4.11 Sozialbilanz
Wolkenkratzer sind Throne. Ein in New Yorks Wedding Cakes und Rohrbündelbauten a' la Sears Tower (Chicago) augenfällig gespiegeltes Merkmal. Sie sind Ausdruck des sich über andere Erhebens, des Herabsehens; sie verdammen zur Bedeutungslosigkeit, stellen in den Schatten. Im wahren Wortsinne: Schon Ernest Grahams "nur" 39-stöckiges, 1915 in New York vollendetes Equitable Building verschattete rund 4,5 Blocks. Sein Beispiel belegt übrigens, dass Wolkenkratzer frühzeitig kritisch wahrgenommen wurden: Als monströse Menschenaufbewahrkiste und Gefahr für das öffentliche Wohlergehen galt der Bau vielen Zeitgenossen.
Wolkenkratzer spiegeln Ansprüche nicht einzig nach außen: Sie bilden Hierarchien, die soziale Leiter in sich ab. Unternehmen, die etwas auf sich halten, fragen Flächen in oberen Etagen nach. Einerseits, um ordentlich herabblicken und mehr Licht genießen zu können; andererseits, um Besuchern mittels langer Wege Achtung einzuimpfen. Dasselbe wiederholt sich firmenintern: Wer wer ist, sitzt höher. Beförderungen verbinden sich oft mit der Zuweisung eines größeren, natürlich belichteten Büros, "richtige" Karrieresprünge zugleich mit einem Stockwerksprung. Selbstredend kostet ein qm mit wachsender Höhe mehr Miete. Selbst in rundum von wolkennäheren Bauten überragten Häusern. Vielen praktischen Erwägungen zuwider, um des "standing" willen.
Offener als bei Bürohochhäuser äußern sich nachteilige soziale Wirkungen bei Wohntürmen. Zahllose Studien belegen ihre gleichsam asoziale Grundanlage. Aufzuganlagen, dunkle Flure, Müllsammelräume, Fahrrad- und Waschkeller, Tiefgaragen schaffen ein kriminalitätsförderliches Umfeld.
5 Schlussbemerkung
Wolkenkratzer. Ein Irrweg menschlicher Raumorganisation? Ein Auslaufmodell? Ich denke, nein. Wolkenkratzer sind eine junge, noch unreife Erscheinung. Unbiologisch bzw. biologiewidrig, doch - wenn auch nur bedingt - in Richtung bionischer, sozial stimmiger und wirtschaftlicher Systeme entwicklungsfähig.
Im Gegensatz zu vielen Hochhausplanern sehe ich ihre Zukunft nicht in schlanken, superhohen und grashalmähnlichen Formen. Miteinander verbundene, große Grundflächen einnehmende Objekte mittlerer Höhe dürften Voraussetzungen bieten, vielschichtige Stadtlandschaften nachzubilden. Um ein Bild zu bemühen: Moosteppich statt Wiese könnte der Leitspruch lauten. Dem urbanen Modell, der Verquickung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, sich Versorgen und Vergnügen gehört das Morgen. Wolkenkratzer sind in sich nach uralten, unseren Bewegungsmustern und Verhaltensweisen entsprechenden Netzprinzipen auszugestalten. Technisch und wirtschaftlich optimiert, gewinnen Wolkenkratzer an rationaler Qualität. - Allerdings nur dort, wo Raum knapp ist.