Wolkenkratzer – Spiegel der Irrationalität

1 Intro

Wolkenkratzer: Die einen bewundern ihre aufschießenden Silhouetten, empfinden sie als erhaben und erhebend. Andere verdammen ihre monolithische Wucht, die lichtraubend-erdrückende Verschluchtung der Städte. Manchen berauschen gespiegelte technische Fertigkeiten, viele beklemmt die alltäglich fühlbare Dominanz der Technik über den Menschen. Manchen gelten Wolkenkratzer als Fortschrittssymbol, als Sinnbild des Triumphes menschlichen Verstandes über natürliche Widrigkeiten. Anderen erscheinen sie als Ausweis verschwenderischer, unvernünftiger Naturferne. Die einstimmende Liste veranschaulicht die emotionalisierende und polarisierende Wirkung des Wolkenkratzers.

Der aussagend statt fragend gefasste Artikeltitel nährt die Mutmaßung, ein Wolkenkratzergegner hätte zur Feder bzw. in die Tasten gegriffen. Nun, sie trifft zu und geht – so paradox es klingt – fehl. Der Autor durchstreift Chicagos und New Yorks CBDs gerne, genießt kontrapunktische Reize in Philadelphias, Miamis, Bostons oder Torontos vergleichsweise schütteren Hochhauslandschaften. Ungeachtet bewusst gewordener Irrationalität des Wolkenkratzers. – Vielleicht gerade angesichts von ihm verkörperter Unvernunft. Womöglich, weil die Giganten die Macht kleiner Gefühle so rein spiegeln. Allen Thesen über die Rationalität des Menschen spottend. Uns gemahnend, dass uns Gefühle treiben und deren Verständnis der Schlüssel ist zu einem besseren Morgen unserer Art.

2 Historische Rückblende

Im ausgehenden 19. Jahrhundert fügten in Nordamerika tätige Architekten und Ingenieure der Palette menschlicher Bauwerke den Wolkenkratzer hinzu. Der englische Begriff "skyscraper" bezeichnete ursprünglich einen besonders hohen Zylinderhut; 1883 wurde die Bezeichnung auf ungewöhnlich hohe Gebäude übertragen.

Als Wiege moderner Hochhäuser gilt Chicago, im US-Staat Illinois gelegenes Zentrum des Mittelwestens. Als erster Wolkenkratzer wird gemeinhin das 1885 hier vollendete Home Insurance Building von William Le Baron Jenny erachtet. Als New Yorks erster Skyscraper gilt das von G. B. Post entworfene, 1889 eröffnete Union Trust Building. Diese Gebäude besaßen allerdings nur 10 bzw. 11 Stockwerke. – Schon die Römer errichteten bis zu 12 Etagen aufragende Wohngebäude.

Als Triebfeder der Hochhausentwicklung nennen zahlreiche Fachartikel Chicagos Stadtbrand von 1871. Er zerstörte 18.000 Gebäude, tötete 300 Menschen, machte 100.000 obdachlos. Das Wiederaufbauprogramm schrieb vor, widerständigere Baumaterialien zu verwenden und zeitaktuelle konstruktive Techniken anzuwenden (vertiefend siehe Hochhauskonstruktion). Beide Maßgaben gestatteten es, einige Geschosse "aufzusatteln". – Allerdings bereits vor der vernichtenden Feuersbrunst. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dieser und dem Aufkommen erster Hochhäuser herzustellen, erscheint anfechtbar (ergänzend siehe Hochhausdefinition). Auch im Gefolge eines wirtschaftlichen Aufschwunges steigende Bodenpreise erklären den anhebenden Höhentaumel allenfalls ausschnitthaft (vgl. Kapitel 4.1).

3 Baumotivation

3.1 Erklärungen von Hochhausplanern

Eine wesentliche motivationale Facette des Baues von Wolkenkratzern drückt der Hochhausarchitekt Helmut Jahn aus: "Chicago baute Wolkenkratzer, weil es einen Minderwertigkeitskomplex hat und weil die Stadt am gewaltigen Michigansee liegt, inmitten endloser Prärien. Sie haben im 19. Jahrhundert in die Höhe gebaut, damit die Reisenden wussten, wo sie waren." Argumentationslogisch bleibt Jahn auf halbem Wege stehen. Ausgehend vom festgestellten Minderwertigkeitsgefühl fehlt eine Ableitung: Sie bauten nicht der Reisenden wegen hoch, sondern vielmehr, um zu wissen bzw. sich in dem Gefühl zu sonnen, dass sie – die Chicagoer – wer waren (!).

Norman Foster, ein weiterer Hochhausplaner, deutet die Höhenverliebtheit grundsätzlich: "... das Streben, immer höher hinaus zu wollen ... ist ein tief verwurzeltes Urbedürfnis von uns Menschen, das wohl nie rational erklärt werden kann." In diesen Worten schwingt eine zweite Aussage mit: Foster hält den Bau von Hochhäusern für irrational. Sprachlogische Grundsätze lassen einzig diesen Schluss zu. In Bezug auf unser Höhenstreben hat Foster recht: Es ist ein alter Menschheitszug, hoch und höher hinaus zu wollen. Vielfach ausgedrückt in Monumentalbauten diesseitiger Jenseitsverwalter, selbstherrlicher Eroberer und visionärer Identitätsstifter.Moscow City

3.2 Symbolik der Höhe

Bauwerke abseits aller Wirtschaftlichkeit waren und sind Symbole. Häufig versinnbildlichen sie Macht und Machtansprüche, Reichtum und Überlegenheitsgefühle. San Gimignanos Geschlechtertürme stehen für diese Haltung, Lehmhochbauten im Jemen, Pyramiden ägyptischer Dynastien, viele Dome, Kathedralen, Moscheen, Pagoden. Und moderne Wolkenkratzer. – Sinnbilder ausgeübter, erträumter wie auch zerronnener Macht. Und kundgetaner Potenz. Das scheint mir – einem erklärten Spötter über Freud'sche Sexualsymbolik – offenbar. Die "Wer-hat-den-Längsten-Frage" pubertierender Jungmänner manifestiert sich. Wie anders lässt sich der Hickhack erklären, der um den Titel "höchstes Hochhaus" der Welt tobte? Wie die offensichtliche Schummelei, wenn es darum geht, die Führungsrolle zu untermauern? So "überhöhte" sich Chicagos Sears Tower – in "Wills Tower" umbenannt – entgegen üblicher Zählweise um zwei Stockwerke. Und der im Skydeckaufzug abrollende Film "belegte" penetrant, dass Kuala Lumpurs Petronas Towers nur die Nr. 2 waren. In Taipeh entstand derweil das beide Bauwerke in den Schatten stellende 101 Center, heute überragt der m. E. an Sinnlosigkeit kaum zu überbietende Burj Khalifa in Dubai alle anderen Wolkenkratzer. Es wurde gebaut, um die Höhenkrone zu tragen. – Bis ihm ein anderer Wolkenkratzer den Rekord abjagen wird (rechts ein Bild entstehender Wolkenkratzer. Aufgenommen wurde das Bild in Moskau, 2008).

Stets setzte der Mensch äußerliche Größe mit großem Inhalt gleich, mit Überlegenheit, Herrschaft, visionärer Kraft. Nur klügere begriffen Wolkenkratzer als Staffage, als Bühne gezielter Selbstinszenierung oder Ausdruck heimlichen Minderwertigkeitsgefühls. – Harte Aussagen? Nun, vielleicht. Lauschen wir Cass Gilbert, dem Architekten des m. E. ausdrucksstärksten aller Wolkenkratzer dieser Erde: Des gotische Vorbilder stilisierenden Woolworth Building in New York. "Mit der Gotik haben wir die Möglichkeit, unserem Streben nach den höchsten Zielen Ausdruck zu verleihen." Und, er spricht von der "... Vollendung der Materie in einer mit wachsender Höhe stetig fortschreitenden Vergeistigung." Seitenhieb am Rande: Bei den Internationalisten, bei Mies van der Rohe, steigt mit 'wachsender Höhe' einzig die inhaltsleere, visionslose Monotonie. Diesbezüglich gestörte Bezüge spricht u. a. die Studie 'High-Rise Buildings' der Münchener Rück (1999, S. 14) an: "In the past, it was the master builder and architect who defined the construction and consequently the appearance of a building; today ... technical developments determine what can and cannot be done; the appropriate and basically essential symbiosis between engineering designer and artist has been abandoned." Die Aussage drückt Missbehagen aus, empfundene ästhetisch-städtebauliche Missklänge, die jüngere Wolkenkratzer erzeugen. Durch ihre stilfreie, an sich stillose gestalterische Blässe, das expressive Diktat der Konstruktion als solcher. Sie wendet sich gegen das Thema der Internationalisten, deren rohe, funktionalistische Bauweise den Abstieg des Hauses zur Maschine versinnbildlicht. Zigfach nachgeahmt, ein Spottlied auf Architektur im schönen Sinne. "Arbeitskäfige" schaffend, unansehnliche Schachteln. Die Stadt ungeschminkt zur Plattform rein geschäftlichen Werkelns degradierend.

Auch das Gilberts spirituellem Verständnis zu dankende Woolworth Building beherbergte freilich gestandene Geschäftsleute. Deren Sinn dürfte weit mehr nach einem greifbaren, weithin sichtbaren Erfolgsausweis pragmatischen Unternehmertums, denn nach Vergeistigung gestanden haben. Wohl unwillentlich brachte ein Geistlicher – Mitglied einer irrationale Bedürfnisse rational als Unterhaltsquelle nutzenden Organisation – die zweifache Irrationalität des Woolworth Building in drei Wörtern zum Ausdruck: "Cathedral of Commerce", entfuhr es ihm angesichts des himmelstrebenden Hauses. Philosphisch und phsychologisch orientierte Leser mögen das Thema hiermit als abgeschlossen betrachten. Der Wolkenkratzer ist indes auch ein kultur- bzw. zivilisationsphysiologisches Phänomen.