Frohnleiten – beunruhigend beruhigt

Folgender Beitrag ist der erste in diesem Portal, der ein Thema am Beispiel einer einzelnen Stadt abhandelt. Örtlich rückt das steirische Frohnleiten in den Brennpunkt, inhaltlich dreht sich der Artikel um die Folgen massiver Verkehrsberuhigungsmaßnahmen.

Hintergrundinformationen

Frohnleiten ist eine 30 km nördlich der steirischen Landeshauptstadt, Graz, gelegene Kleinstadt mit rund 6.000 Einwohnern. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt im Hauptort, die übrigen Einwohner verteilen sich auf zahlreiche kleine und kleinste Siedlungseinheiten. Das Umland des Kernortes ist ländlich geprägt. Das nächste, mit rund 12.500 Einwohnern zweifach größere Zentrum im Norden ist die 27 km entfernte Bezirkshauptstadt Bruck an der Mur. Frohnleiten besitzt leistungsfähige Schnellbahnanschlüsse in Richtung Bruck und Graz. Der namensgebende Hauptort verfügt über zwei Autobahnanschlüsse (formal handelt es sich um Schnellstraßenanbindungen, doch entspricht die S35 einer Autobahn).

Wenngleich Frohnleiten (fortan als der Hauptort zu verstehen) nach heutigen Größenmaßstäben eher als dörflicher Ort denn als Stadt einzustufen ist, erfüllte die Kommune bedeutende zentralörtliche Aufgaben. In einigen Bereichen blieb es dabei, wenn auch in mehr oder minder stark abgeschwächter Form. Wie in zahllosen anderen Fällen, traten Bedeutungsverluste nicht einfach ein, sondern wurden herbeigeführt, zumindest jedoch beschleunigt. Und, wie so oft, auch hier von der Stadt selbst. Die zugrundeliegende Entwicklungsplanung erfolgte selbstredend in gutem Glauben und bester Absicht, schoss jedoch über das Ziel hinaus.

Rückschau

Während der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts verfügte Frohnleitens Kämmerer allem Anschein nach über eine prall gefüllte Schatulle. Das lässt ein erster Besuch des von der Flussseite aus betrachtet eindrucksvollen, im Kernbereich schmucken Städtchens erahnen. – Gut für die Gemeinde, sollte man meinen; ich spreche die Etatseite an. Aber: Eine klamme Haushaltslage hätte – Fördertöpfe hin oder her – womöglich ein Unglück verhindert. Rückblickend ist es müßig, zu hinterfragen, ob unfähige Berater oder übermäßig ehrgeizige Stadtobere die heutige Misere verschuldeten. Das Ergebnis damaliger Planungen stimmt jedenfalls betroffen. Aus Sicht eines Handelsplaners lassen seinerzeit beschlossene Maßnahmen mangelndes Verständnis für das kleine Einmaleins der Stadtentwicklung erkennen. Wie oben anklang, bildet Frohnleiten diesbezüglich keinen Einzelfall. Am Ort umgesetzte »Entwicklungsansätze« waren seinerzeit in Mode, ja werden weiterhin verwirklicht. Fast scheint es, als hätte die unbeabsichtigte Schädigung größerer und kleinerer Ortskerne bzw. die gleichsam versehentliche Vernichtung der Existenzgrundlagen ansässiger Einzelhändler System. – Worauf will dieser Mensch hinaus, mögen Sie fragen. Nun, bevor Sie sich ungeduldig abwenden, falle ich mit der sprichwörtlichen Tür ins Haus: Frohnleitens örtliche Mitte wurde gleichsam zu Tode beruhigt, hiesigen Handels- und Gastronomiebetrieben allerhand Wasser abgegraben. Gemessen an der bescheidenen Ortsgröße geschah das erstaunlich aufwändig und ausgefeilt bis hinab auf die Ebene gestalterischer Details. Die Devise lautete offenbar: klotzen, nicht kleckern. Tatsächlich bewegten sich die Planung und Umsetzung des Verkehrsberuhigungskonzeptes in baulicher wie optischer Hinsicht auf hohem Niveau. Allerdings übersahen oder verkannten die Planer funktional entscheidende Gesichtspunkte. Zu diesen Aspekten zählen vor allem die bescheidene Stadtgröße, das gestreute, durch ein Nebeneinander vieler kleiner Orte gekennzeichnete Siedlungsgefüge bzw. die ländliche Raumprägung, eine in etwa ausgeglichene Ein- und Auspendlerbilanz sowie die dank Autobahnverbindung und hoch getakteten Schnellbahnverkehrs rasche Erreichbarkeit des Grazer Stadtgebiets. Hinzu kommen – trotz ansehnlichem Ortsbild – hinsichtlich ihrer Umsatzwirksamkeit im Einzelhandelsbereich kaum nennenswerte touristische Potentiale. Genannte Rahmenbedingungen verbinden sich mit verhaltensbezogenen Eigentümlichkeiten, auf die später zurückzukommen sein wird.

Frohnleitens Einzelhandel

Werfen wir zunächst einen Blick auf Frohnleitens Einzelhandelsgefüge. Festzustellen ist diesbezüglich, dass keiner der kleineren Ortsteile eine Bevölkerungszahl aufweist, die hinreicht, um herkömmlichen Einzelhandelsbetrieben eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage zu bieten. Dasselbe gilt im Grunde auch in Bezug auf den Hauptort, dessen Betriebe auf Kundschaft aus dem restlichen Stadtgebiet, teils auch aus einem über dieses hinausgehenden Einzugsbereich angewiesen sind.

Wie nicht anders zu erwarten, liegt der Versorgungsschwerpunkt im kurzfristigen Bedarfsbereich, im Wesentlichen also auf Angeboten von Nahrungs- und Genussmitteln, Back- und Fleischwaren sowie Drogerieartikeln. Im hier angesprochenen Grundversorgungsbereich beherrschen zwei Standorte die Szene. Der eine liegt unweit der nördlichen Autobahnanschlussstelle, zugleich nur einen Katzensprung vom östlichen Auslaufpunkt der Ortsmitte entfernt. Hier befinden sich ein Lebensmittel-Harddiscounter (Penny), ein Drogeriefachmarkt (BIPA), nebenan die Post. Der zweite, zweipolige Schwerpunktstandort liegt nahe dem südlichen Autobahnanschluss. Hier siedelten sich zwei Betriebe (Billa und Unimarkt) an, die dem kleinflächigen Supermarktsegment zuzuordnen sind. Unimarkt bildet eine Standortunion mit einem Anbieter von Land-, Forst- und Gartenbedarf (Lagerhaus), der hier auch eine Tankstelle betreibt. Der Ortskern liegt nahe, Fußgänger bewegen sich zwischen hier und da jedoch kaum; aus städtebaulicher Sicht kann die Lage als semi-integriert bezeichnet werden, die Geschäfte der Stadtmitte profitieren vorwiegend mittelbar von hiesigen Anbietern. Anders als in vielen anderen Kleinstädten liegt ein ausgewogenes Größenverhältnis zwischen diesen Betrieben vor, in der Summe zudem kein Flächenüberhang. Die herbeigeführte Konstellation erscheint grundsätzlich günstig, besitzt Hand und Fuß. Erwähnenswert ist weiterhin ein kleinerer Bau- und Heimwerkermarkt (Reisinger) mit ergänzendem Gartensortiment. Somit bleibt das Stadtzentrum bzw. der Geschäftsbesatz, der dort verblieb. Besatztechnisch betrachtet ist das nicht viel, qualitativ gesehen schneiden örtliche Geschäfte und Gastronomiebetriebe jedoch überdurchschnittlich gut ab. Vertreten sind unter anderen ein kleinflächiger Nahversorger (Spar), Apotheke und Trafik (ein lizenziertes Tabakwarengeschäft), eine Handvoll Geschäfte mit Bekleidungs- und Schuhangeboten sowie einige (wenige) andere. In mehrere ehemals einzelhandelsgenutzte Ladenlokale rückten sogenannte Ersatznutzungen, teils Notnutzungen nach, manche Ladenflächen stehen leer. Damit gelangen wir beim Kernthema an.

Die Fußgängerzone

Frohnleitens bandartig entwickelter Stadtmittelpunkt, der Hauptplatz, wurde flächendeckend in eine Fußgängerzone umgewandelt. Damit traf die Stadt eine für Orte mit entsprechenden Rahmenbedingungen tödlich zu nennende Entscheidung. Immerhin begriffen die seinerzeit Verantwortlichen offensichtlich, dass dem Hauptplatz unmittelbar zugeordnete Stadtplätze unerlässlich sind, um eine für ansässige Betriebe lebenswichtige Grundfrequenz zu gewährleisten. Angesichts dieser Erkenntnis ließen sie eine ungewöhnlich gut konzipierte Tiefgarage unter dem Hauptplatz bauen. Und von dort geht es mittels eines hellen Aufzugs nach oben und dann wieder hinab. Manche Großstadt wäre neidisch und deren Pkw-Kundschaft beglückt über derartige Parkmöglichkeiten. Allerdings ist Frohnleiten keine Großstadt und die Kundschaft kommt vom Land, nicht aus Graz. Diese Feststellung ist entscheidend. Die Planer liefen nämlich in eine gedankliche Falle: Sie unterstellten, dass sich in Frohnleiten einkaufende Autokunden hier wie in Graz verhalten würden. Das war und ist so aber nicht. Und das nicht nur in Frohnleiten nicht. In Kleinstädten, die inmitten eines nicht verstädterten Umlandes liegen, nehmen die wenigsten Fahrer Garagenlösung an. Diese Tatsache entspringt unter anderem ortsgrößentypischen Angebotsstrukturen, die selbst im denkbar günstigsten Fall lediglich ein ausschnitthaftes Angebot mittel- und langfristiger Warengruppen (Bekleidung, Schuhe, Unterhaltungselektronik usw.) einschließen können. Worauf diese Bemerkung hinausläuft, worauf sie gründet, dürfte Uneingeweihten nicht ohne Weiteres einleuchten. Somit empfiehlt es sich, ein Schlaglicht auf unser Einkaufsverhalten zu werfen.

// Exkurs: Grundsätzlich ist es so, dass wir für den Kauf von Produkten mit einem hohen Stückpreis bzw. spezifischem Warenwert längere Anfahrtswege und / oder einen höheren Zeitaufwand hinnehmen als für geringwertige Waren. Beispielsweise fahren wir zwecks Erwerb einer neuen Kücheneinrichtung bedenkenlos eine Stunde lang, für den Kauf eines Kugelschreibers sicherlich nicht. Oder: Um Orte aufzusuchen, die ein umfängliches Sortiment an Bekleidung und Schuhen bieten, fahren wir ohne langes Nachdenken 45 Minuten, während wir in Bezug auf einen Supermarkt höchstens eine Viertelstunde als annehmbar erachten. Diese Beispiele lassen sich auf einen kurzen Nenner bringen: Je häufiger wir etwas benötigen, desto geringer der akzeptierte Beschaffungszeitraum. Welchen Aufwand wir zu treiben bereit sind, hängt also entscheidend von der Vielfalt und Wertigkeit jeweiliger Angebote bzw. dem Nutzwert und / oder Unterhaltungswert ab, den uns ein Ort bietet oder zu bieten verspricht. Genannte Faktoren bestimmen zugleich maßgeblich über die Aufenthaltsdauer am jeweiligen Ort. Aus all dem ergibt sich eine Ableitung: Unterschiedliche Angebot entwickeln und benötigen unterschiedlich weit ausgreifende Einzugsgebiete. Kurzformel: Je höher der spezifische Warenwert und je größer das Nachfrageintervall, desto größer das benötigte und erschlossene Einzugsgebiet (gemessen an dessen Bevölkerungszahl). //

Übertragen wir diese Erkenntnisse auf Frohnleiten und die Grazer Innenstadt bzw. das Parkverhalten hier und dort. Selbst in Graz sucht eine Mehrheit aller Fahrer zunächst nach einem ebenerdigen Stellplatz, bevor letztlich eine Garage angesteuert wird. Die Grazer Innenstadt bietet ein vielfältiges, wenn auch nur bedingt befriedigendes Warenangebot, zudem – nicht zuletzt dank der Stellung als Universitätsstadt – eine ausnehmend reichhaltige gastronomische Szene. Sie bietet somit genau jene Qualitäten, die uns geneigt machen, vergleichsweise hohe Bewegungswiderstände (Fahrt, Stellplatzsuche, Wegstrecke) zu überwinden. Anders stellt sich die Situation in Frohnleiten dar: Der Geschäftsbesatz entwickelt angesichts geringer Gesamtfläche sowie beschränkter Angebotsbreite und -tiefe keine Zugkraft, die eine Nutzung weithin ungeliebter Garagenstellplätze selbstverständlich machen könnte. Erfahrungsgemäß leben die überwiegend äußerst begrenzte Absatzreichweiten entfaltenden Betriebe (sehr) kleiner Städte zum Gutteil von Kundschaft, die vor der Tür hält, kauft, vielleicht noch ein zweites Geschäft aufsucht, weiterfährt. Das gilt für Trafiken ebenso wie in Bezug auf Lebensmittel-SB-Geschäfte, Bäcker, Metzger, Blumenläden, Drogerien, Papier- und Schreibwarenläden oder – abgeschwächt – Apotheken. Genau diese raschen, hochgradig umsatzwirksamen Einkäufe machte das Fußgängerzonenkonzept unmöglich. Damit traf diese gut gemeinte Maßnahme Frohnleitens kleinteilige Betriebe hart. Und das nicht folgenlos. Was die Einführung der Fußgängerzone auslöste, war eine vielfache persönliche Katastrophe. Auch sich selbst ausbeutende, im Eigentum aktive Händler gerieten an ihre Grenzen. Oben erwähnte Ersatz- und Notnutzungen sind als Hinweis auf verschlechterte Betriebsgrundlagen und eine ganze Reihe erfolgter Betriebsaufgaben zu verstehen. Weitere Schließungen werden folgen. Unausweichlich. Nachfolger zu finden, war schwer, nun ist es nahezu unmöglich. Das heißt, dass Ladengeschäfte dauerhaft leerfallen, sobald der gegenwärtige Geschäftsinhaber den Betrieb aufgibt. Ab einer gewissen Ausdünnung des Handelsbesatzes greift ein Dominoeffekt: Ein Geschäft nach dem anderen schließt, weil die meisten Betriebe auf andere, auf einen Geschäftsverbund angewiesen sind. – Wären die Bankfilialen nicht, sähe es optisch so trübe aus, wie die Situation ist. Aber: Auch in diesem Bereich sind Schließungen absehbar. Und dann, in absehbarer Zukunft, besitzt die Stadt eine riesige Fußgängerzone, der die Fußgänger abhanden kamen.

Ausblick

Frohnleiten ist dabei, seine Mitte zu verlieren, den einst natürlichen Begegnungsort. Damit verschärft sich auch der allgemein beobachtbare Trend zur sozialen Vereinsamung. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erweist sich das Fußgängerzonenprojekt als unsozial; es bewirkt das glatte Gegenteil dessen, was es bewirken sollte. Und das, meines Erachtens, in jeder Hinsicht.

Angesichts vorgestellter Erkenntnisse drängt sich eine Frage auf: Muss es zwangsläufig zu einem Verlust der Mitte kommen? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Einige Faktoren, beispielsweise ein steigendes Durchschnittsalter der Bevölkerung, perspektivisch sinkende Haushaltseinkommen, mutmaßlich abnehmende Mobilitätsmöglichkeiten und dergleichen, können sich stabilisierend auf die Kernlage auswirken. Umgekehrt werfen kleine und / oder ungünstig zugeschnittene Geschäftsflächen Schwierigkeiten auf, Existenzgründer finden ein schwaches Umfeld vor, Österreichs Einzelhandel nimmt sich mit seiner wahnwitzigen Flächenausweitung und Standortvermehrung gleichsam selbst die Butter vom Brot. Hinzu kommt, dass sich Frohnleitens unvorteilhafte Entwicklung in den Köpfen festsetzte; Kunden wie Geschäftsinhaber sehen das Debakel als gegeben an. Motto: Ist so, nichts zu machen, nicht zu ändern. Die nachwachsende Generation orientiert sich von vornherein auf andere Einkaufsorte. Frohnleitens Aussichten stellen sich alles in allem also keineswegs rosig dar. Sie würden sich jedoch erheblich aufhellen, gäbe die Stadt ihre übergroße Fußgängerzone wieder für den rollenden und ruhenden Verkehr frei. Eine Einbahnregelung samt der Schaffung ebenerdiger Stellplätze dürfte ausreichen, um eine spürbare Belebung herbeizuführen.

Hinweis: Der Beitrag verbuchte innerhalb der ersten sechs Wochen nach seinem Erscheinen über 1.000 Abrufe. Er wurde von Lesern verbreitet und weithin diskutiert; die per eMail angeschriebene Stadtgemeinde äußerte sich nicht zur Thematik.