6.5 Fläche fördert Volkswirtschaft
Wie oben dargelegt, übersetzt sich Flächenexpansion in harten Preiswettbewerb. Der Kunde profitiert von den im internationalen Vergleich niedrigen Angebotspreisen im Grundversorgungsbereich. - Und, anscheinend übersehen, die gesamte Volkswirtschaft tut es. Der Verbraucher ist im Stande, erkleckliche Beträge auf den Erwerb gehobener Güter zu verwenden. Er besitzt ein mittelbar vergrößertes Budget, um Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Er kann innovative, das Wirtschaftswachstum beflügelnde Güter und Leistungen (Telekommunikation, Elektronik) bezahlen, in Bildung, Freizeit, Unterhaltung investieren (Medien, Kurse usw.), Aktien kaufen. Kurz: Der sich in Preisaggressivität ummünzende Flächendruck im Einzelhandel setzt enorme Wirtschaftspotentiale frei.
7 Die Zügel schießen lassen?
Herausgearbeitete Fakten belassen kaum Zweifel an einem fortgesetzten Ausbau des Handelsnetzes. Ein treibendes Moment ist darin zu erblicken, dass viele Unternehmen auf neue, räumlich aufgelockerte Präsentationsformen setzen. Weiterhin wirkt der Ersatz unzeitgemäßer Flächenbestände - die von Kundenseite auch als solche empfunden werden - als Schwungrad. Beide Triebfedern bescheren dem Kunden einen Gewinn. Auch im Planungswesen steht der Verbraucher im Vordergrund. Heißt das, es sollte jedes Projekt genehmigt werden, wenn es die Bürger mehrheitlich begrüßen? Die Frage ist wohl zu verneinen. Die Versorgungssicherheit für nicht motorisierte Kunden ist zu gewährleisten. Auch sind städtebauliche Aspekte wie verkehrserzeugende Effekte zu berücksichtigen.
8 Chancen aufgreifen
Der Flächenentwicklung ungesteuert ihren Lauf zu lassen, ist ein schlechtes Rezept. Umkehrt macht es keinen Sinn, die Handelslandschaft konservieren zu wollen, Neues abzulehnen, weil es Gewohntes ablöst. In vielerlei Hinsicht offenbaren Neuerungen nur die Hinfälligkeit hergebrachter Besitzstände. Rührige Unternehmen setzen das alte Credo des Handels, auf das er stets stolz war, um: Handel ist Wandel. - So muss es sein, weil Händler von ihren Kunden leben und sich diese bzw. ihre Lebens- und Arbeitswelten wandeln.
Im Erfolg expansiver Betriebsformen kristallisiert ein gehöriger Schuss kundenseitiger Unzufriedenheit mit der Entwicklung unserer Zentren aus. In den auf immer schmalere Angebote, immer weniger Funktionen reduzierten, durch und durch kommerzialisierten Innenstädten sehen viele Kunden ihre Bedürfnisse allenfalls andeutungsweise befriedigt. Manches Preissegment ist nicht vertreten, viele Produkte, Dienstleistungen und Nutzungsarten sind verschwunden. Der Schluss könnte lauten: Ein einseitig an den Belangen aus sich heraus gefährdeter bzw. sich selbst schwächender Zentren orientiertes Entwicklungsprimat verbietet sich von selbst. Zudem eröffnet "gesunder" Flächendruck auch ihnen Chancen: Wenn einzelne Lagen bzw. Betriebsformen oder Branchen in Kernlagen samt Saumzonen ihre Tragfähigkeitsschwelle durchschlagen, bieten sich Möglichkeiten, die gewachsene Handelsmonostruktur aufzubrechen. Es gelingt gehäuft, Stadträume mit anderweitigen Nutzungen anzureichern, ihnen urbane Züge zu verleihen. Mit dem Bau citynaher Wohnsiedlungen, von Dienstleistungs- und Freizeiteinrichtungen ist manchen Innenstädten besser gedient als mit zusätzlichen Handelsflächen oder Versuchen, nachrangige Lagen zu erhalten.