6.3 Altes neu zu definieren
Selbst Kritiker lehnen Fach- und Verbrauchermärkte, SB-Warenhäuser, Lebensmitteldiscounter, Fachmarkt- und Einkaufszentren selten in Bausch und Bogen ab. Sie wenden sich gegen deren rasch zunehmende Marktdurchdringung, gegen eine Zerfledderung der Handelslandschaft. Beständig führen sie davon ausgehende Gefährdungen der verbrauchernahen Versorgung als Abwehrargument ins Feld. Allerdings erscheint es fraglich, ob das "klassische" Verständnis von Verbrauchernähe heutigen Gegebenheiten und Trends gerecht wird. Neue funktionsräumliche Mosaike bildeten sich aus, Bewegungsmuster, Familienstrukturen, Konsumentenansprüche wandelten sich. Vieles spricht für eine gebotene Neubewertung alter Maßstäbe. - Vor allem der Verbraucher. Zu ständig wachsenden Anteilen bemisst er Nähe in Pkw-Fahrzeiten, in Zeitquanten für die Stellplatzsuche. In steigender Zahl pendelt er über lange Strecken zur Arbeit. Der Lebensmitteldiscounter, der Verbrauchermarkt, die Systemgastronomie am Wegesrand sind für ihn nah. Der "commercial strip" ist es; er kann durchaus als zentrale Lagekatagorie aufgefasst werden. Berufstätigen Singles oder Paaren ermangelt es wochentags an Zeit, ihren Bedarf in Nahbereichszentren zu decken, die verbreitet wenig Stellplätze bereit halten und nur lückenhafte Warenangebote. Der "Laden um die Ecke" ist oftmals keineswegs nah im Sinne von rasch und gut erreichbar. In Stadtteilen, deren Haushaltsstruktur alten Rollenbildern - er arbeitet, sie hütet das Haus - entspricht oder solchen mit hohem Seniorenanteil stellt sich die Lage sicherlich anders dar; die Regel sind sie nicht mehr. Der Versuch, den Fortbestand kleinerer Handelskerne gegen den Trend zu sichern, ist zum Scheitern verurteilt. Schon deshalb, weil hoher Arbeitseinsatz bei schmalem Verdienst im Einzelhandel die Nachfolge vieler Betriebe in Frage stellen.
6.4 Ohne zeitgemäße Flächen keine Zentren
Zahlreiche Nahbereichs- und Stadtteilzentren sind nur erhaltungsfähig, wenn sie verbrauchergerecht gestaltet werden. Dazu gehört, dass ansässige Betriebe hier wachsen, an Fläche zulegen können, dass schlagkräftige Magnete bestehen oder angesiedelt werden. - Und Stellplatzkapazitäten erhalten bzw. geschaffen werden. Viele Nahbereichszentren leiden schließlich unter ungenügendem Kundenzuspruch. weil es an Angebotsfülle mangelt, an Attraktivität, an Fläche eben. Oft finden sich keine Geschäftsnachfolger, weil solche Defizite allenfalls eng begrenzte unternehmerische Spielräume zulassen. Bei der Planung neuer Eigenheimsiedlungen wie in Stadtteilen mit abschmelzender Bevölkerungsbasis ist Mut zur Fläche gefordert. Hier gilt es, Verkehr von außerhalb anzuziehen, um den Handel auszulasten, ihn lebensfähig zu erhalten. Die Realität sieht häufig anders aus: Es wird versucht, Verkehr zu minimieren und zugleich Verbrauchernähe zu schaffen. Verbreitet entsteht eine Ansammlung von Klein- und Kleinstflächen, vielleicht ergänzt um einen wenige 100 qm großen SB-Markt. Regelhaft ergibt sich daraus vom Start weg eine mangelnde Tragfähigkeit jeweiliger Versorgungsinseln. Neue Versorgungskerne großzügig mit Fläche zu bestücken oder geeignete Bestandszentren auszubauen, ist mit Blick auf funktionale Kriterien vernünftig. Dies kann implizieren, dass der Niedergang benachbarter Nahbereichszentren beschleunigt wird. Dies ist der Fall, wenn die Quartiersbevölkerung hier wie dort nicht ausreicht, zeitgemäß formatierte Flächen auszulasten, also Zustrom von außen zwingend erforderlich ist. Dies bedeutet letztlich, Entwicklungsmaßnahmen auf die (potentiell) stärksten Nahbereichszentren konzentrieren zu müssen, um größtmögliche Verbrauchernähe dauerhaft gewährleisten zu können. Die Konsequenz mutet paradox an: Eine Ausdünnung des Versorgungsnetz bzw. für Teile der Kundschaft längere Wege sind in Kauf zu nehmen, um Nähe zu garantieren. Diese scheinbare Widersprüchlichkeit zeichnet aber marktlogisch begründete Trends nach.