5.4 Deutung von Kaufkraftindizes
Kaufkraftkennziffern gewichten Handelsanalytiker im Allgemeinen stark. Vorbehalte gegen diese Praxis wecken u. a. folgende Sachverhalte:
- Vom Bundesdurchschnitt abweichende Kaufkraftindizes übersetzen sich ungleichmäßig in Ausgaben für einzelne Warengruppen; die einkommensabhängige Nachfrageelastizität differiert. Gesichert ist diesbezüglich zweierlei: 1. Grundversorgungsangebote legen unterdurchschnittlich zu, gehobene Bedarfssegmente stärker, wenn auch nicht unbedingt in einer der Indexabweichung entsprechenden Größenordnung. 2. Das Umsatzplus handelsferner Branchen (Touristik, Freizeit usw.) schlägt den Index regelhaft.
- Eine Ausgabengewichtung mit hohen Indizes erweist sich in kleinen Orten oft als verhängnisvoll: Es errechnen sich stattliche Marktvolumina, nur versorgen sich einkommensstarke Schichten nicht oder einzig mit periodischen Gütern am Ort. Ihre Ansprüche orientieren sich an Angebotspaletten großer Breite und Tiefe, die am Wohnsitz nicht darstellbar sind.
- In Kleinstädten sind psychologische Momente bewertungsrelevant. Einerseits fühlen sich Kunden angesichts gegenseitiger Bekanntschaft von Händler und Verbraucher beim Besuch von Geschäften unter Kaufdruck gesetzt. Andererseits scheuen sie es, beobachtet zu werden. Sie bevorzugen die Anonymität der Großstadt.
- Bei real hoher Kaufkraft im Sinne am Ort bindungsfähiger Nachfrage erreichen Ladenmieten, Grundstückspreise, Löhne und Gehälter ein entsprechendes Niveau. Entstehende Kostenbelastungen des Handels zehren Kaufkrafteffekte zum Gutteil auf.
5.5 Zentralität
Der Zentralitätsindex bildet den Bedeutungsüberschuss von Orten ab. Die Berechnungsformel lautet: Örtlicher Einzelhandelsumsatz / örtliches Marktpotential * 100. So griffig die Messgröße erscheint, so vorsichtig ist sie zu deuten.
- Sinkt die Einwohnerzahl eines zentralen Ortes, während jene des Umlandes zunimmt, steigt sein Zentralitätsindex (wenn Umlandorte zu klein bleiben, um Handelsnetze zu tragen): Es wirkt, als entwickele er sich vorteilhaft - tatsächlich trifft das Gegenteil zu. Skizzierte Effekte ergeben sich aus sinkenden Marktvolumina am Ort bei anhaltender Einkaufsorientierung abwandernder Personen auf die Stadt. Diese Bindung bezieht sich vorwiegend auf mittel- und langfristige Angebote. Diese erweisen sich als weitgehend immun gegenüber Umsiedlungen ins nahe Umland. - Der Grundversorgungsbereich hingegen nicht.
- Zu hinterfragen ist, woher ein hoher Zentralitätsindex rührt. Ist er überwiegend im Stadtzentrum, in gewachsenen Lagen erwirtschafteten Umsätzen zuzuschreiben oder der Marktaktivität eines monolithischen Fachmarkt- bzw. Einkaufszentrums? In Fall 1 besitzt die Stadt Zentralität, bietet womöglich Spielraum für Flächenerweiterungen in Kernlagen. Sie ist aber auch anfällig gegenüber großflächigen Neuansiedlungen in unintegrierten Lagen. In Fall 2 gaukelt ein Kunstgebilde nicht gegebene Anziehungskräfte der Stadt, Fachhandelsbetrieben zugleich Ansiedlungschancen vor, die bei genauem Hinsehen keine sind.