Handelsflächenexpansion - Streiflichter

3.1 Expansionsdruck im Handel

Die Möglichkeiten qualitativen Wachstums sind begrenzt, quantitative Zuwächse also unvermeidlich, aus Verbrauchersicht zudem begrüßenswert. Ein Paradebeispiel harten Flächenwettbewerbs bietet der Lebensmittelhandel. Insbesondere Discountmärkte verbreiten sich rasant. Supermarktbetreiber wirken zurückhaltender, sind es aber nicht. Ihr Problem: Die Regelvermutung gemäß BauNVO begünstigt Discounter, weil diese mit 700 - 800 qm Verkaufsfläche zurecht kommen, verkehrsorientierte Vollsortimenter hingegen zumindest 1.500 qm benötigen.

Kritiker der Expansion sprechen bisweilen vom kollektiven Selbstmord einer Branche. Tatsächlich sind Kannibalisierungseffekte ersichtlich. Allerdings handelt der Handel nicht aus purer Expansionslust, sondern unter Druck. Jedes Unternehmen, gleich welcher Größe, steht unter dem Diktat des Markes bzw. einer wachstumsorientierten Grundordnung. In vielen Branchen ist die Schaffung hoher Netzdichten unternehmerisches Gebot. Nur engmaschige Filialnetze gestatten es, bestmögliche Einkaufskonditionen zu erzielen, das Warenverteilwesen (= Logistik) zu optimieren, die erkämpfte Marktstellung zu behaupten. Selbst grenzwertige Standorte sind um strategischer Vorteile willen zu besetzen. Salopp gesagt: Verzichtet Unternehmen A, greift B zu. Geschieht derlei gehäuft, verliert A an Boden. Die forsch anmutende Gangart der hier stellvertretend für andere Branchen betrachteten Lebensmittler ist handlungslogisch begründet. Mit Blick auf die Flächenmehrung zu berücksichtigen ist im übrigen, dass ein Gutteil der Entwicklungsaktivität auf Standortoptimierungen, den Ersatz unzeitgemäßer Flächen sowie Neubauten in unterversorgten Gemeinden - vornehmlich im ländlichen Raum - entfällt. Viele Vorhaben sind durchaus nachvollziehbar, mit Blick auf eine verbrauchernahe Grundversorgung gar ein Gewinn.

Dennoch: Die stürmische Flächenausweitung verschärft den Wettbewerb in einem für viele Marktteilnehmer bedrohlichen Umfang. Zugleich höhlt sie die Betriebsgrundlagen anderer Branchen aus, da ihre Outlets - voran Discounter - angesichts abschmelzender Raumleistungen und Spannen zu Anbietern gemischter Sortimente mutieren. Beispielsweise hält Aldi - getragen durch die große Filialanzahl - einen Platz unter den Top 10 deutscher Textilhändler inne.

3.2 Kommunen ziehen mit

Es ist einmal die expansive Grundstimmung des Handels, die betriebliche Leistungsziffern erodiert. Andererseits wird der Flächendruck mittelbar von Städten erhöht, die Kaufkraftabflüsse oder "entgangene" Zuflüsse als Standortschwäche deuten. Ihr Reflex: Es werden großflächige Ansiedlungen unterstützt, um Kaufkraftabflüsse zu unterbinden und Zuflüsse aus dem Umland auszulösen. Teils ist diese Haltung gerechtfertigt, teils trägt sie dazu bei, die Funktionsfähigkeit gewachsener Zentren zu untergraben und / oder die Grundlagen des regionalen Zentrensystems zu schwächen. Indem Städte aufrüsten, um zu halten, was in arbeitsteiligen Netzwerken fließen muss, unterstützen sie den Niedergang des eingesessenen Fachhandels. Der Grund: Flächenzuwachs verbindet sich meist mit unverhältnismäßig geringen Umsatzsteigerungen am Ort. Diese Form der Entwicklungspolitik mindert die Ertragskraft des Einzelhandels in seiner Gesamtheit: Periphere Reißbrettgebilde schwächen die Umsatzgrundlage des Fachhandels sowie konzerngebundener Innenstadtbetriebe und beschneiden ihre Ertragserwartung gegenseitig.

Die Befürchtung, ein Verzicht auf Flächenausweitungen innerhalb der Ortsgrenzen würde weniger zurückhaltenden Nachbarn Kaufkraftzuflüsse bescheren, enttarnt sich als Gefahr: Dort oft überflüssige Kapazitätserweiterungen werden mit bedarfsbezogen unbegründeter Expansion beantwortet. In der Summe erfolgt ein Doppelschlag zu Lasten gewachsener Versorgungskerne. Hinzu tritt ein in Bezug auf Lebensmitteldiscounter angeklungener Effekt der Konkurrenz von Großflächen untereinander: Einst als nicht innenstadtrelevant eingestufte Betriebsformen fahren den Anteil zentrenbildender Sortimentsbestandteile hoch, um annehmbare Leitungswerte sicherzustellen. So wandeln sich Baumärkte und Möbelhäuser zu Warenhäusern mit Schwerpunkt im Baumarkt- bzw. Möbelbereich. Dieser Trend beeinträchtigt die Behauptungsfähigkeit hergebrachter Einkaufsmeilen in heutiger Größe, geht aber auch an Shopping-Centers nicht spurlos vorüber.