Handelsflächenexpansion – Streiflichter

Vorliegender Beitrag beleuchtet Ursachen, Hintergründe und Auswirkungen der Flächenentwicklung des deutschen Einzelhandels. Der Verfasser diskutiert u. a. ausgewählte Bewertungsgrößen bzw. Kennzahlen, deren Deutung im Rahmen von Handelsplanungen besonderer Sorgfalt bedarf. Der 2004 entstandene Text wurde Ende 2012 überarbeitet, eingebundenes Zahlenmaterial aktualisiert.

1 Intro

Der Einzelhandel ist Gradmesser und tragende Säule städtischer Anziehungskraft. Er ist Wirtschaftsfaktor, Versorgungsmedium, stadtprägendes Element zugleich. Angesichts seiner Lebenswelten erheblich mitgestaltenden Natur bedingen Fehlentwicklungen Verwerfungen einiger Tragweite. Voran die Flächenausweitung des3 Handels wirft Probleme auf. Weshalb? Was löst sie aus? Was sind die Folgen? Und: Birgt sie auch Vorteile?

2 Über das Maß

1990 bestanden bundesweit 80 Mio. qm Verkaufsfläche. Im Gefolge der Wiedervereinigung ergab sich, teils begründet durch Nachholbedarf in den Neuen Ländern (ursprünglich ca. 0,3 qm / Kopf), ein Schub: Bis 1995 erhöhte sich der Bestand auf 95 Mio. qm, im Jahr 2000 erreichte er 108 Mio. qm, 2010 belief er sich auf 120 – 125 Mio. qm. – Bei perspektivisch rückläufiger Einwohnerzahl der Bundesrepublik. Die Verkaufsfläche pro Kopf schnellte im Vergleichszeitraum 1990 – 2010 von 1 qm auf 1,5 qm empor. Der Einzelhandelsumsatz stagniert hingegen. Sein Anteil an den Verbrauchsausgaben fällt; betrug er vor wenigen Jahrzehnten über 50 % des verfügbaren Durchschnittseinkommens, beziffert er sich nun auf rund 30 %.

Flächen- und Umsatzentwicklung scheren auseinander. Folglich sinkt die mittlere Raumleistung (= Umsatz je Flächeneinheit). Setzte der Einzelhandel 1991 im Schnitt umgerechnet 4.400 EUR / qm Verkaufsfläche um, so erzielte er im Jahr 2000 nur noch 3.580 EUR / qm und 2010 rund 3.350 EUR / qm. Der nominale Rückgang belief sich auf rund ein Viertel des Ausgangsbetrages; wird die seitherige Geldentwertung berücksichtigt, ergibt sich ein dramatisch zu nennender Schwund. Kurz: Die extreme Flächenvermehrung verhagelte die Flächenumsätze extrem.

Wird "Bedarf" im Sinne des Wortes, nämlich als Bedürfnis gedeutet, zeigt die Entwicklung, dass heutige Flächenbestände quantitativ weit über versorgungstechnische Notwendigkeiten hinausgehen: Es bestehen Überangebote. – Eine Tatsache, die nicht hindert, selbst in umfassend bestückten Großstädten Versorgungslücken festzustellen und, auf diese verweisend, weitere Flächen ans Netz zu schalten. Infolge verschärften Flächenwettbewerbs bei stagnierender Nachfrage verfallen die Angebotspreise. Es baut sich eine Spirale auf, der mancher Betriebe, manche Betriebsform auch mittels Rationalisierung und / oder Spezialisierung kaum entrinnen kann.

3 Treibende Kräfte

Die Flächenentwicklung, die steigende Wettbewerbsintensität, ihre städtebaulichen Folgen werden verbreitet beklagt. Handelsverbände, Gewerbevereine, Kommunen, Regionalplaner und Berater rufen nach einer Steuerung, nach einer Begrenzung des Flächenzuwachses. Grundsätzlich herrscht Einigkeit, dass eine überbordende Flächendichte keinem nutzt und vielen schadet. Weniger banal als diese Feststellung ist, dass eine Mehrheit jener, die zunehmende Flächenbestände als problematisch bezeichnen, an deren Ausweitung beteiligt ist. Sie ausschließlich Handelskonzernen bzw. -ketten ankreiden zu wollen, greift zu kurz: Städte und Gemeinden tragen zur Entwicklung bei.