Vorliegender Beitrag beleuchtet Ursachen, Hintergründe und Auswirkungen der Flächenentwicklung des deutschen Einzelhandels. Der Verfasser diskutiert u. a. ausgewählte Bewertungsgrößen bzw. Kennzahlen, deren Deutung im Rahmen von Handelsplanungen besonderer Sorgfalt bedarf.
1 Intro
Der Einzelhandel ist Gradmesser und tragende Säule städtischer Anziehungskraft. Er ist Wirtschaftsfaktor, Versorgungsmedium, stadtprägendes Element zugleich. Angesichts seiner Lebenswelten erheblich mitgestaltenden Natur bedingen Fehlentwicklungen Verwerfungen einiger Tragweite. Voran die Flächenausweitung des3 Handels wirft Probleme auf. Weshalb? Was löst sie aus? Was sind die Folgen? Und: Birgt sie auch Vorteile?
2 Über das Maß
1990 bestanden bundesweit 80 Mio. qm Verkaufsfläche. Im Gefolge der Wiedervereinigung ergab sich, teils begründet durch Nachholbedarf in den Neuen Ländern (ursprünglich ca. 0,3 qm / Kopf), ein Schub: Bis 1995 erhöhte sich der Bestand auf 95 Mio. qm, im Jahr 2000 erreichte er 108 Mio. qm. Für 2010 dürfte von 118 Mio. qm auszugehen sein. - Bei perspektivisch rückläufiger Einwohnerzahl der Bundesrepublik. Die Verkaufsfläche pro Kopf schnellte im Vergleichszeitraum 1990 - 2000 von 1 qm auf 1,3 qm empor. Der Einzelhandelsumsatz stagniert hingegen. Sein Anteil an den Verbrauchsausgaben fällt; betrug er vor wenigen Jahrzehnten über 50 % des verfügbaren Durchschnittseinkommens, beziffert er sich nun auf 32 %.
Flächen- und Umsatzentwicklung scheren auseinander. Folglich sinkt die mittlere Raumleistung (= Umsatz je Flächeneinheit). Setzte der Einzelhandel 1991 im Schnitt 8.600 DM / qm Verkaufsfläche (ca. 4.400 EUR) um, so erzielte er im Jahr 2000 nur noch 7.000 DM / qm (ca. 3.580 EUR).
Wird "Bedarf" im Sinne des Wortes, nämlich als Bedürfnis gedeutet, zeigt die Entwicklung, dass heutige Flächenbestände quantitativ über versorgungstechnische Notwendigkeiten hinausgehen: Es bestehen Überangebote. - Eine Tatsache, die nicht hindert, selbst in umfassend bestückten Großstädten Versorgungslücken festzustellen und, auf diese verweisend, weitere Flächen ans Netz zu schalten. Infolge verschärften Flächenwettbewerbs bei stagnierender Nachfrage verfallen die Angebotspreise. Es baut sich eine Spirale auf, der mancher Betriebe, manche Betriebsform auch mittels Rationalisierung und / oder Spezialisierung kaum entrinnen kann.
3 Treibende Kräfte
Die Flächenentwicklung, die steigende Wettbewerbsintensität, ihre städtebaulichen Folgen werden verbreitet beklagt. Handelsverbände, Gewerbevereine, Kommunen, Regionalplaner und Berater rufen nach Steuerung, nach Begrenzung des Flächenzuwachses. Grundsätzlich herrscht Einigkeit, dass eine überbordende Flächendichte keinem nutzt und vielen schadet. Weniger banal als diese Feststellung ist, dass eine Mehrheit jener, die zunehmende Flächenbestände als problematisch bezeichnen, an deren Ausweitung beteiligt ist. Sie ausschließlich Handelskonzernen bzw. -ketten ankreiden zu wollen, greift zu kurz: Städte und Gemeinden tragen zur Entwicklung bei.