Städte in Entwicklungsländern

Nachfolgender Beitrag erschien auf mehrfach geäußerten Leserwunsch. Schmunzeln lässt der Hintergrund: Bei diesem Artikel handelt es sich um eine sinngemäße Übersetzung der 2008 im Immobilien-Kosmos erschienenen Cities in Developing Countries. – Hier und da abgewandelt, teils erweitert zwar, doch nahe am Original gehalten. Der Leser mag wählen, welche Fassung er bevorzugt.

1 Einführung

Diesen Beitrag motivierte eine um Stadtplanungsfragen in Entwicklungsländern kreisende Tagung. Wie üblich mündete sie im Theoretisieren über sattsam bekannte städtische Bodennutzungsmodelle. Im Zuge der Diskussion wurde der fragmentarische Forschungsstand hinsichtlich der Städte in Entwicklungsländern spürbar. Darüber hinaus verdeutlichte die Diskussion, dass die meisten gängigen Stadtmodelle aus historischen Realitäten nur eines Landes, nämlich den USA, abgleitet wurden.

Die Situation erinnerte mich an eine von Krishna Menon AG, Direktor der indischen TVB School of Habitat Studies (New Delhi), formulierte Aussage. Sinngemäß lautete sie: Es wird oft davon ausgegangen, dass es schwierig ist, eine Dritte-Welt-Metropole zu verstehen. Die Wahrheit ist, dass dies nur selten versucht worden ist. (1) Wenngleich dies sicherlich scharfzüngig ausgedrückt ist, besteht tatsächlich eine offensichtliche Tendenz, Dritte-Welt-Realitäten zu erklären bzw. erklären zu wollen, indem westliche Modelle angewendet werden. Bis zu einem gewissen Grad mag dieser Ansatz einer westlichen Gegenstücken ähnelnden architektonischen und morpologischen Anmutung von Städten in Entwicklungsländern entspringen. Er mag auch auf der instinktiven Mutmaßung gründen, dass hiesige Entwicklungen auf denselben Faktoren beruhen, die das Antlitz westlicher Städte gestalteten. Allerdings bestehen diese Ãhnlichkeiten nur bei oberflächlicher Betrachtung; sie blenden gleichsam, insofern Städte der Entwicklungsländer anders funktionieren. Weiterhin mögen magere theoretische Kenntnisse die Tatsache spiegeln, dass die Urbanisierung der Dritten Welt auf äußerst dynamischen Prozessen beruht. Dies illustriert das Beispiel von Lagos. Die räumlich-funktionale Entwicklung der einstigen nigerianischen Hauptstadt verläuft derart rasant, sprunghaft und "unsortiert", dass sie sich der Erfassung durch herkömmliche analytische Verfahren entzieht. (2) Grundstück- und Gebäudenutzungen verändern sich in in einem Tempo, das es schier unmöglich macht, aus empirischen Erhebungen und Flächennutzungskartierungen sinnvolle Planungen abzuleiten. Bildlich gesprochen, enteilt die Wirklichkeit jedem planerischen Ansatz. Ein Paradebeispiel für praktische Probleme im Zusammenhang mit dem raschen Stadtwandel und -wachstum bietet das auf lateinamerikanische Städte bezogene (aktualisierte) Griffin-Ford Modell. Es wurde frühzeitig kritisiert, obwohl es an sich solide begründet war bzw. bestehende urbane Realitäten abbildete. Doch eben diese Realitäten wandelten sich innerhalb weniger Jahre dramatisch. Konsequenz: Das Modell wurde – zumindest teilweise – hinfällig.

Schließlich kennzeichnen viele Länder, voran Indien, außerordentlich vielschichtige sozioökonomische Systeme. Mit Blick auf zahlreiche Indien-Studien schließt M. Ananthakrishnan, dass sich indische Städten allen Ansätzen des Social Modeling entziehen. (3)

Vorliegender Artikel beleuchtet einige wesentliche Aspekte städtischer Wirklichkeiten in Entwicklungsländern. Ein Ziel ist es, räumliche Muster und morphologische Merkmale von Städten und Ballungsgebieten zu beschreiben. Zweitens hebt er darauf ab, Auslöser, Triebfedern und Verstärker laufender Transformationsprozesse zu erhellen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, verbreitete planungspolitische Ansätze zu streifen. (4)

Die Abhandlung basiert auf einer Vielzahl von Quellen; diese reichen von bloßen Statistiken bis hin zu umfassenden Berichten, wie Veröffentlichungen von UN-Habitat. Auch spiegelt der Beitrag Beobachtungen und Erfahrungen des Autors, der zahlreiche Entwicklungsländer bereiste und u. a. ein Jahr in Indien lebte.

Fußnoten

(1) A. G. Krishna Menon: The Complexity of Indian Urbanism. O-Ton: It is often assumed that it is difficult to understand a Third World metropolis. The truth is that this has rarely been attempted.

(2) Isichei, U.: From and for Lagos. Archis, 1 / 2002. Isischei stellt fest: Lagos ... has a kinetic quality that allows it to escape conventional methods of analysing cities.

(3) Ananthakrishnan, Malathi: The Urban Social Pattern of Navi Mumbai, India; Blacksburg, Virginia 1998.

(4) Vertiefende Ausführungen zum Thema bietet die Fallstudie Master Plan Delhi 2021.