Enns – alt und anders

Folgender Artikel ist der dritte in diesem Portal, der sich einer österreichischen Stadt widmet. Nach Frohnleiten (Steiermark) und Oberwart (Burgenland) rückt diesmal das oberösterreichische Enns in den Brennpunkt. Hinsichtlich der textlichen Darstellung weicht dieser Beitrag vom Stil gewohnter »kosmischer« Fachartikel ab, insofern wir – Sie und ich – hier und da einem Enns besichtigenden Handelsplaner über die Schulter blicken. Diesen sparsam bebilderten Text ergänzt eine Fotostrecke zu Enns.

Hintergrundinformationen

Die unweit südöstlich von Linz gelegene Stadt Enns zählt rund 11.400 Einwohner; hiervon leben ca. 8.500 im namensgebenden Kernort. Die nach örtlichem Selbstverständnis älteste Stadt Österreichs ist gut in das Bundes- und Landesstraßennetz eingebunden, besitzt zudem Autobahnanschlüsse.

Enns – eine Annäherung

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Enns wenig von vielen anderen älteren Kleinstädten. – Einmal abgesehen davon, dass der Ort ein gemessen am Querschnitt österreichischer Gemeinden eindrucksvolles Altstadtbild sein Eigen nennt. Tatsächlich weist Enns allerdings eine Reihe Besonderheiten auf, die sich nicht ohne Weiteres erschließen. Mehr noch: der erste Eindruck trügt, bestätigt zugleich jedoch, dass auch Enns von weithin beobachtbaren städtebaulichen Fehlentwicklungen betroffen war und ist. Führen wir uns vor Augen, was der im Vorspann erwähnte Handelsplaner während seines Stadtbesuchs wahrnimmt, offenbart sich die Stoßrichtung dieser Aussage.

Steuert unser Handelsplaner Enns über die B1 aus Richtung Asten an, bemerkt er ein ansehnlich gestaltetes Einkaufs- bzw. Fachmarktzentrum am Wegesrand: den Ennspark. »Aha«, denkt er reflexhaft, »Dasselbe wie fast überall, auch hier zog man ein Kunstgebilde am Stadtrand hoch, das zur Ausblutung gewachsener Einkaufslagen beiträgt.« Allerdings besitzt der Mann Augenmaß, weshalb er seine unwillkürliche Wertung ansatzweise berichtigt: Das Center erweist sich nämlich als vergleichsweise klein; es bietet kein Fünftel der Verkaufsfläche eines vorher an der Autobahnabfahrt Asten / St. Florian interessehalber unter die Lupe genommenen Fachmarktzentrums. Werden dem Ennspark im unmittelbaren Nahbereich angesiedelte Betriebe hinzugerechnet, ergibt sich eine Gesamtverkaufsfläche, die in etwa einem Viertel der in Astens großem Fachmarktzentrum geballten Angebotsfläche entspricht.

Nachdenklich gestimmt fährt unser Handelsplaner weiter. Bald erblickt er ein zweites, ebenfalls am Reißbrett entworfenes Zentrum, dessen Besatz ihm eine Tatsache verrät: Einzelhandelsnutzungen funktionieren hier nicht. Auch deshalb nicht, weil die Bauzeile eine bescheidene Gesamtfläche aufweist.

Beide Beobachtungen lassen den Handelsplaner aufmerken, da angesichts einer allgemeinen Großflächeninflation mit zumindest einem flächenmächtigen Handelskomplex Gebäudeensemble am Hauptplatzauf der Linz zugewandten Stadtseite zu rechnen gewesen war. Tatsächlich befinden sich rund neun Zehntel aller Verkaufsflächen des Bezirks Linz-Land in Ortsrandlagen, lediglich zehn Prozent innerhalb eines städtebaulichen Zusammenhangs. Diesbezüglich von »Ungleichgewicht« sprechen zu wollen, würde das Ausmaß der herbeigeführten Schieflage verniedlichen. Doch lassen wir all das zunächst einmal so stehen.

Nach kurzer Weiterfahrt erreicht unser Handelsplaner die frühlingshaft warme Altstadt von Enns. Als Architekturliebhaber kommt er voll auf seine Kosten. Der maßgeblich von Renaissancegebäuden geprägte Stadtkern befindet sich in gepflegtem Zustand (Bild 1, rechts: Gebäudeensemble am Hauptplatz). Den atmosphärisch dichten, rechteckigen, von augenfälligen Gebäuden eingefassten Hauptplatz beherrscht ein zentraler Turm mit Wahrzeichencharakter. Von diesem mediterranes Flair verströmenden Platz geht die ca. 200 m lange Linzer Straße ab, die gemessen an örtlichen Verhältnissen als »Laufmeile« bezeichnet werden kann.

Anzusehen ist die Ennser Mitte sehr schön. Allerdings stellt unser Handelsplaner sofort fest, dass sich am Hauptplatz kaum Einzelhandelsbetriebe befinden, die wenigen vorhandenen Geschäfte branchenbezogen zudem nicht recht zueinanderpassen.Fassadenzeile im Bereich Hauptmarkt-Bräuergasse Rasch fällt ihm ein weiterer nutzungsbezogener Schwachpunkt auf. Welcher, wird später vertiefend zu erläutern sein. Zunächst begleiten wir den Stadtbesucher auf seinem Rundgang; dieser beginnt in der auf den Hauptplatz einmündenden Bräuergasse (Bild 2, links: Gebäudeabfolge im Bereich Hauptmarkt-Bräuergasse). Wir sehen, was wir in zahllosen anderen Ortskernen sahen: aufgegebene Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe. Böses ahnend, gehen wir weiter.

Hinter einer Wegbiegung sticht uns ein Ladenleerstand im Auslaufbereich der Linzer Straße ins Auge. Das Unwohlsein nimmt zu. Bei einem ersten Blick in die örtliche Hauptlage verstärkt sich das bedrückende Gefühl, denn vor uns liegt ein von Ersatz- und Notnutzungen, teils auch Leerständen durchsetzter Straßenabschnitt. »Schade«, denkt unser Handelsplaner trübsinnig, »auch hier bricht eine früher lebendige Einkaufsstraße weg.« Doch eines erfühlt er, während er dies denkt: Enns ist anders als viele andere Kleinstädte. Die Gebäude erweisen sich als gut unterhalten, manche wurden erst kürzlich instand gesetzt, andere aufwändig modernisiert, zudem wird hier und da ausgebaut. Bei genauem Hinsehen, genau vor drei Bauschuttcontainern, die vor einem seiner Fertigstellung entgegengehenden Ladenlokal stehen, streift seinen Mund ein Lächeln: Geht hier vielleicht etwas aufwärts? Nachdem früher alles in Scherben gefallen war und vergangen schien?

Angesichts des österreichweit allgegenwärtigen Zusammenbruchs der Kernlagen (nicht nur) kleiner Städte und Gemeinden fällt es unserem Handelsplaner schwer, an eine Renaissance der Ennser Mitte zu glauben. Versonnen gönnt er sich ein Glas Bier in einem Lokal am Hauptplatz; seine anfänglichen Zweifel schwinden keineswegs, mildern sich jedoch erheblich ab, denn Enns erweist sich tatsächlich Linzer Straße: Straßenbildals ungewöhnlich (Bild 3, rechts: Gebäudezeilen der Linzer Straße; im Hintergrund der Stadtturm am Hauptplatz).

Enns – Verzicht auf große »Kisten«

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Enns und sehr vielen anderen Kleinstädten liegt im Bereich der städtebaulichen Planung. Diese Bemerkung führt zurück zu einer anfangs gemachten Beobachtung: Am Stadtrand finden sich keine dieser verbreiteten Ballungen großflächiger Einzelhandelsbetriebe, weder ein großes Einkaufszentrum, noch ein größeres Fachmarktzentrum. Die Stadt scheint zweierlei frühzeitig erkannt zu haben: 1. Angesichts räumlicher Nähe zur Landeshauptstadt Linz besaß sie vom Start weg keine Aussichten, ihre überschaubare Mitte zu einem weithin ausstrahlenden Handelsgefüge zu entwickeln. 2. Die mögliche Ansiedlung großflächiger Betriebe in städtischen Randlagen hätte zwar den Zentralitätsindex beträchtlich erhöht, die seinerzeit bereits ins Schleudern geratene Mitte jedoch jeder langfristigen Überlebens- und Entwicklungschance beraubt.

Die behutsame Flächenentwicklung der Stadt konnte den Niedergang ihrer Innenstadt zwar nicht verhindern, ersparte dieser jedoch einen Doppelschlag, insofern Enns davon absah, reihum entstehende Großflächen durch Ansiedlung entsprechender Gegenstücke am Ort zu kontern. Infolgedessen bestehen heute Spielräume für eine schrittweise Wiederbelebung der über Jahre hin abgestiegenen Stadtmitte. Im Klartext: Enns beteiligte sich nie an der allenthalben feststellbaren Handelsflächenaufrüstung, wurde jedoch zum Opfer dieser vielfach ohne Sinn und Verstand vorangetriebenen Entwicklung. Im Gegensatz zu unzähligen Rathäusern, die ihren Ortskernen durch die Genehmigung großflächiger Betriebseinheiten die Existenzgrundlagen raubten (und das weiterhin tun), verschuldete die Politik in Enns die eingetretene Misere nicht bzw. lediglich teilweise selbst. Um zu verdeutlichen, worüber wir hier sprechen, sei nochmals auf Astens großes Fachmarktzentrum zurückgekommen: Dessen nahezu durchgängig mit innenstadttypischen Warenangeboten besetzte Verkaufsfläche entspricht in etwa der gesamten, der stadtweit in Enns vorhandenen Verkaufsfläche (!); dasselbe gilt hinsichtlich der Größe in Bezug auf den Donaupark in Mauthausen. Oder: Ein in St. Florian ansässiges Möbel- und Einrichtungshaus besitzt annähernd die zweifache, die PlusCity in Pasching mehr als die vierfache Fläche.

Fast wie eine Ironie des Schicksals wirkt, dass das hinsichtlich der Flächenentwicklung maßvolle Enns zu den gar nicht so zahlreichen Städten und Gemeinden der Region zählt, die eine einzelhandelsbezogen stark entwickelte Mitte verlieren konnten. – Viele Orte im Linzer Umland besaßen nämlich nie einen entsprechenden Kern. Derartige Gedanken gingen unserem Stadtplaner durch den Kopf, während er den Blick über historische Ensemble schweifen ließ, die Enns zumindest stunden- bzw. tagestouristische Potentiale bescheren (Bild 4, links: Fassadendetails eines Gebäudes am Hauptplatz). Fassadendetails eines Gebäudes am HauptplatzIhm war klar, diese überlieferten Schätze unterhielten sich keineswegs von selbst. Langfristig lassen sich diese Gebäude einzig bewahren, wenn sie (mehrheitlich) einer einträglichen, also wirtschaftlichen Nutzung unterliegen. Dieser Allgemeinplatz trägt eine tiefere Erkenntnis in sich: Die unmäßige Entwicklung städtebaulich nicht bzw. unzureichend eingebundener Einzelhandelsstandorte bedeutet angesichts vielfach stadtschädigender Rückwirkungen eine mittelbare Entwertung, im Extrem sogar eine Enteignung der Eigentümer von Innenstadtgebäuden, letztlich also auch eine Belastung der Steuerzahler. Auch von dieser Warte aus betrachtet verdient der Ennser Stadtrat gute Noten. Zudem scheinen die Verantwortlichen erkannt zu haben, dass eine zusammenbrechende Nahversorgung – hier insbesondere im Sinne eines zentralen Versorgungskerns zu verstehen – für wachsende Bevölkerungskreise eine persönliche, auch in sozialer Hinsicht folgenschwere Katastrophe darstellt.

Enns – das Prinzip »Umkehr«

Gänzlich freizusprechen von einer Mitschuld am ehemaligen Abschmelzen von Handel und Gewerbe im Stadtkern war die örtliche Politik nicht. – Einer zeitgeistigen Modeströmung folgend, verwandelte sie die Kernlage nämlich in eine Fußgängerzone. Wie in den meisten Kleinstädten erwies sich diese als attraktivitätserhöhend verstandene Maßnahme als verhängnisvoller Missgriff. Die Folgen einer Umsetzung entsprechender Konzepte lassen sich beispielsweise und »mustergültig« am Ortskern der steirischen Stadtgemeinde Frohnleiten ablesen. Aber: Anders als in Frohnleiten, dessen Politik augenscheinlich beschloss, das angerichtete Desaster auszusitzen, bis letzte Handels- und Gastronomiebetriebe der einst blühenden Stadtmitte geschlossen haben werden, kehrte Enns entschlossen um. Nun stellt Frohnleiten nur eines von zahllosen Beispielen für die Untätigkeit einer verbreitet anscheinend zuvorderst um sich selbst kreisenden Politikszene dar. Doch genau das, dieser Hintergrund, verleiht Städten wie Enns eine bemerkenswerte Sonderstellung.

Bemerkenswert ist nicht alleine, dass Enns ein selbst verursachtes Missgeschick ausräumte, sondern auch, wie durchdacht das geschah. Heute stellen sich Hauptplatz und Linzer Straße als verkehrsberuhigte, für Pkw-Kunden jedoch gut erreichbare Zone dar. Anders als viele andere Städte und Gemeinden setzt Enns auf ein rücksichtsvolles Miteinander von Fußgängern, Rad- und Autofahrern. Die eingeführte Parkraumbewirtschaftung beweist in zweifacher Hinsicht Gespür: Einerseits fallen während der Mittagszeit (von 12 – 14 Uhr) keine Parkgebühren an, um z. B. im örtlichen Hafen beschäftigte Arbeitnehmer zu einem Besuch der Innenstadt zu motivieren, zum anderen wird – anders als etwa im diesbezüglich meines Erachtens geradezu rabiat vorgehenden Linz – eine nachsichtige »Knöllchenpolitik« verfolgt.

Ausblick

In Enns erzielte Erfolge stimmen hoffnungsvoll. Zu tun bleibt viel. Sicherlich wird sich nicht jede grundsätzlich begrüßenswerte Maßnahme umsetzen lassen. Dies betrifft beispielsweise die Behebung eines nutzungsbezogenen Schwachpunkts des Hauptplatzes: Die zahlreich zu findenden Bankenniederlassungen führen mittelbar zu einer Beruhigung dieses wichtigen städtischen Teilraums. Während der zurückliegenden Niedergangsphase wirkten diese Filialen zweifellos ein Stück weit stabilisierend, im Rahmen einer fortgesetzten Innenstadtbelebung sind von ihnen eingenommene »Sahnestückchen« hingegen als ideale Standorte für Einzelhandelsbetriebe einzustufen. Anders ausgedrückt: Diese Einrichtungen wären an handelstechnisch vergleichsweise schwer erschließbaren Standorten, in Randlagen und Übergangszonen des Kernbereichs bestmöglich platziert. Ein weiteres Thema ist in einer schrittweisen Harmonisierung des Branchenbesatzes bzw. dessen gezielter Fortentwicklung zu erblicken. Diesbezüglich empfiehlt es sich angesichts begrenzter Einflussmöglichkeiten der Stadt, die Gebäudeeigentümer entsprechend zu sensibilisieren.

Ob es letztlich gelingen wird, der Innenstadt ihre einstige Bedeutung als Einkaufs- und Begegnungsort zurückzugeben, wird sich weisen. Mit Blick auf den landauf, landab sehenden Auges herbeigeführten und / oder weithin als gleichsam naturgesetzlich hingenommenen Niedergang zahlloser Ortskerne ist etwas anderes, etwas Grundsätzliches entscheidend: In Enns gingen Politik, Handel und Gewerbe unübersehbare Missstände gezielt an. – Und bewegten viel. Das war auch bitter nötig, denn andernfalls wäre Enns die längste Zeit Stadt gewesen.