Einzelhandelszentralität – Methodik

Hier ein zweiter IK–Beitrag von Heinrich Iversen. Diesmal widmet sich der Autor methodischen Aspekten in Bezug auf die Einzelhandelszentralität.

1 Einleitung / Problemstellung

1.1 Gängige Definition

Nach gängiger Definition ist die EH–Zentralität ein Indikator für die Einkaufsattraktivität einer Gebietseinheit (Region, Kommune, Stadtteil, statistischer Bezirk), gemessen am Kaufkraftzu– bzw. –abfluss ("Sogwirkung") aus Sicht der jeweiligen Gebietseinheit. Sie gilt hiernach als "objektive Messgröße dafür, welcher Region, welcher Stadt oder welchem Viertel innerhalb einer Stadt es gelingt, mit dem vorhandenen Einzelhandelsangebot besonders viel Kaufkraft anzuziehen und zu binden"; insofern gilt sie als unverzichtbare Größe für die Standortplanung (vgl. GfK GeoMarketing, www.gfk–geomarketing.de/ marktdaten/ marktdaten_nach_thema/ einzelhandelszentralitaet.html). Ähnlich Junker und Kruse: "Die einzelhandelsrelevante Zentralität einer Stadt / Region stellt ein maßgebliches Gütekriterium nicht zuletzt für die Leistungsstärke des Einzelhandels dar", vgl. "Einzelhandelskonzept für die Stadt Viersen", Dortmund 2011, S. 285). In der Praxis wird die Einzelhandelszentralität gemäß dieser Definition in der Form gemessen, dass der in der Gebietseinheit getätigte Einzelhandelsumsatz durch das hier ansässige einzelhandelsrelevante Nachfragepotenzial dividiert und dieser Quotient mit 100 multipliziert wird. Ist der Wert größer als 100, fließt hiernach Kaufkraft in die Gebietseinheit hinein, ist er kleiner als 100, fließt Kaufkraft in das Umland ab.

1.2 Anwendungsbereiche

1.2.1 Landesplanung / Raumordnung

Eine tragende Säule der Raumordnungsplanung in Deutschland ist das Zentrale–Orte–System, das einzelnen Orten bzw. Ortstypen unterschiedliche Versorgungsaufgaben mit unterschiedlicher räumlicher Reichweite (Verflechtungsbereich) für unterschiedliche Funktionsbereiche (z. B. Verwaltung, Wirtschaft, Kultur, Bildung) zuweist. Zu diesen Funktionsbereichen zählt auch die Versorgung mit Einzelhandelsleistungen.

1.2.2 Kommunale Entwicklungsplanung / Einzelhandelskonzepte

Die Einzelhandelszentralität einer Kommune ist ein Gesamtaggregat, das sich aus Teilaggregaten, nämlich den Zentralitätswerten der einzelnen Einzelhandelsbranchen ergibt. Da diese Teilzentralitäten in der Regel uneinheitlich sind, liegt es nahe zu fordern, dass die Branchen mit unterdurchschnittlichen Werten. durch Neuansiedlungen und Erweiterungen gestärkt werden sollten. In diesen Fällen dient der Index somit der Identifizierung von Ansatzpunkten für die kommunale Einzelhandelsentwicklung und von Ansiedlungsspielräumen. Bei der Erstellung kommunaler Einzelhandelskonzepte wird die Einzelhandelszentralität als wesentlicher Parameter für die Bemessung von Ansiedlungsspielräumen in der Gesamtkommune heran gezogen. Dies geschieht häufig in der Form, dass, ausgehend von der jeweiligen Ist–Situation, mittel– und längerfristige Zielvorgaben für den anzustrebenden Zentralitätswert entwickelt und daraus Ansiedlungsspielräume abgeleitet werden.

1.2.3 Entwicklung einzelner Zentren und Standorte

Auf städtebaulicher bzw. kommunaler Ebene steht die Versorgungsbedeutung unterschiedlicher Standortbereiche im Mittelpunkt der Betrachtung, insbesondere das unterschiedliche Gewicht von zentralen und dezentralen Lagebereichen für die örtliche und überörtliche Versorgung. In der Praxis wird häufig versucht, die überörtlichen Versorgungsfunktionen auf bestimmte, hierfür besonders geeignete Standorte zu konzentrieren und die hierfür erforderlichen spezifischen Ansiedlungsspielräume unter Heranziehung von Zentralitätsvorgaben zu ermitteln.

1.2.4 Kommunales Ranking und Regionalvergleiche

Auch für das kommunale Ranking wird die Einzelhandelszentralität als Kriterium verwendet. Im Internet–Auftritt der Industrie– und Handelskammern wird die Einzelhandelszentralität immer wieder gerne angeführt, um die Leistungsfähigkeit des Einzelhandels in den Kammerbezirken zu belegen.

1.2.5 Zeitreihenanalyse des Zentralitätswerte

Kommunen können theoretisch anhand der Entwicklung der Zentralitätswerte im Zeitablauf eine Art Marktanteilskontrolle in ihrer Region durchführen. Dies ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn gewisse Anforderungen an die Methodik erfüllt werden (dazu später mehr).

1.3 Fazit

Die Ausführungen verdeutlichen, dass die Einzelhandelszentralität ein gängiger Indikator ist, der eine hohe Bedeutung für die örtliche und überörtliche Planung sowie den interkommunalen Wettbewerb hat. Es liegt daher nahe, sich mit Feinheiten der Definition, der Messbarkeit und mit den Grenzen der Aussagekraft dieses Indikators zu befassen. Nachfolgenden soll auf drei konkrete Fragestellungen eingegangen werden:

Im folgenden steht die Einzelhandelszentralität als Gesamtaggregat im Mittelpunkt der Betrachtung; die beschriebenen methodischen Grundlagen können weitgehend auf die Bildung von Teilzentralitäten übertragen werden.