Betriebsformen & Zentrentypen (Teil 1)

3 Einzelhandelsbetriebsformen

Bevor einzelne Betriebsformen dargestellt werden, sind einige Leitbegriffe dieses Artikels inhaltlich zu definieren, um ein gemeinsames Verständnis zu gewährleisten.

Einzelhandel ist als ein auf körperlichem Kontakt mit Endverbrauchern beruhender Vertriebskanal gegenständlicher Produkte zu verstehen. Unterschieden werden stationäre bzw. ladengebundene sowie nicht-stationäre Formen. [4]

Einzelhandelsimmobilien sind ausschließlich von Einzelhandelsnutzungen belegte oder ertrags- bzw. flächenbezogen handelsdominierte Gebäude, die für diesen Zweck geplant oder für diesen Zweck umstrukturiert wurden. Die Bandbreite reicht von baulich-strukturell einfachsten Gebäuden bis hin zu konzeptionell höchst komplexen Gebilden.

Einzelhandelsbetriebsformen sind Manifestationen vertrieblicher Konzepte, deren Umsetzung maßgeblich an Flächenbandbreiten bzw. Mindestbetriebsgrößen, spezielle Standorterfordernisse sowie unterschiedliche Agglomerationsbedürfnisse gebunden ist. Der Flächenaspekt spiegelt sich in der englischen Bezeichnung retail format. Zu unterscheiden sind gleichsam selbstgenügsame und Verbundformen. Betriebsformen werden häufig fälschlich mit Betriebstypen gleichgesetzt. Letztere stellen lediglich Spielarten bzw. branchengebundene Ausprägungen (Bekleidungs-, Schuh-, Sportgeschäft) jeweiliger Betriebsformen dar.

3.1 Betriebsformenprofile

Die Liste bestehender Betriebsformen ist lang, sie zu gruppieren fällt schwer. Als Einordnungskriterien bieten sich vordergründig Betriebsgrößen, Lagepräferenzen, Agglomerationsneigungen und -bedürfnisse sowie erschließbare Einzugsradien an. Entsprechende Gliederungsansätze müssten allerdings auf einem Wust von Zahlen und unscharf definierbaren Schwellenwerten gründen. Sie erbrächten einen geringen praktischen Nutzwert. Um diese Klippen zu umschiffen, setzt der Autor auf eine einfache Klassifizierung: Unterschieden werden solitäre und zusammengesetzte Betriebsformen. Hinweisend sei angemerkt, dass sich diese zwei Gruppen zuordnen lassen, nämlich angebotsbezogen branchenübergreifenden Einheiten (großflächige Warenhäuser, Einkaufszentren gehobener Größenordnung) und dem Kreis spezialisierter Betriebsformen (Fachmärkte, Fachgeschäfte, Kaufhäuser), die – bei teils fließenden Grenzen – vollsortierte Großflächen sowie kleine und mittlere Betriebe mit ausschnitthaftem Angebot umfassen. Die verbreitete Einteilung in Lebensmittelhandel (Food) und Nicht-Lebensmittelhandel (Non Food) stellt allenfalls einen ergänzenden Ansatz dar, wie die u. a. von der Metro Group vorgenommene Aufgliederung des Food-Segmentes in universalen und speziellen Lebensmitteleinzelhandel illustriert. [5]

Nachfolgend werden wesentlich Merkmale bestehender Betriebsformen vorgestellt. Schlüsselgrößen sind jeweilige Verkaufsflächen, Sortimentsprofile, Raumleistungen (= Umsatz je Flächeneinheit) sowie Mietkosten bzw. Miettragfähigkeiten. Um unmittelbare Zuordnungen zu erleichtern, werden exemplarisch Betreiber angeführt.

3.1.1 Solitäre Betriebsformen

Die Skizzierung dieser Betriebsformen beginnt mit schwerpunktmäßig Lebensmittel anbietenden Einheiten, die verbreitet als Grundversorger bezeichnet werden.

Lebensmittel-SB-Geschäft

Es handelt sich um auf den Vertrieb von Lebensmitteln in Selbstbedienung spezialisierte Betriebe mit weniger als 200 qm Verkaufsfläche. [6] In diese Kategorie fällt der altbekannte, zunehmend verschwindende Tante-Emma-Laden. Die tragbare Miete liegt umsatzbezogen bei rund 5 %. Die Kundschaft stammt fast ausschließlich aus dem unmittelbaren, fußläufigen Nahbereich. Die Anzahl benötigter Stellplätze ist somit gering.

Lebensmittel-SB-Markt

Diese Bezeichnung steht für Lebensmittelgeschäfte mit 200 qm bis < 400 qm Verkaufsfläche, die neben Trockensortimenten Frischwaren sowie kleinere Non-Food-Sortimente in Selbstbedienung vertreiben. Die mittlere Verkaufsfläche dieser Betriebsform beläuft sich auf rund 300 qm. SB-Geschäfte führen 6.000 – 10.000 Artikel. Die Raumleistung liegt im Schnitt bei 4.200 EUR / qm. Die Mietkosten belaufen sich gemittelt auf ca. 5 %, die gesamten Raumkosten auf 7,2 %. [7] Verbreitet handelt es sich um Märkte, die schwerpunktmäßig im Super- und Verbrauchermarktsegment aktiven Filialketten angeschlossen sind.

Supermarkt

Hierbei handelt es sich um Lebensmittelgeschäfte in Selbstbedienung mit Verkaufsflächen zwischen 400 und weniger als 1.500 qm. Neben Frischwaren bieten sie Non-Food-Artikel auf bis zu 30 % verfügbarer Flächen an. Die Sortimente umfassen üblicherweise 7.000 – 11.000 Artikel, durchschnittlich sind es 10.200. Die mittlere Raumleistung liegt bei rund 3.950 EUR / qm, wobei kleinere Varianten (400 – 800 qm) mit ca. 4.100 EUR / qm überdurchschnittlich abschneiden. Der umsatzbezogene Mietkostenanteil liegt bei 5,3 %, die gesamten raumbezogenen Kosten beziffern sich auf 7,2 %. Teils integrieren Supermärkte Betriebe des Lebensmittelhandwerks (Bäcker, Metzger). Zahlreiche Betreiber führen beträchtliche Sortimentsanteile von Bio-Produkten. Zugleich werden Grundsortimente angeboten, die preislich mit Hard-Discountern konkurrieren. Bekannte Betreiber sind u. a. Edeka (Neukauf), Rewe (Minimal) und Tengelmann. Jüngst erweist sich diese Betriebsform als hoch innovativ hinsichtlich architektonischer und ladenbaulicher Konzepte. Diesbezüglich spektakuläre Ansätze verfolgen beispielsweise Tegut und Edeka. Lageabhängig sind Supermärkte mehr oder weniger fußkundenorientiert. Bei stark verdichteter Wohnbevölkerung im Nahbereich liegt naturgemäß eine geringere Abhängigkeit von Pkw-Kunden vor. Mehrheitlich benötigen Supermärkte zugeordnete Stellplatzkapazitäten mäßigen Umfangs.

Verbrauchermarkt

Neuerlich handelt es sich um eine selbstbedienungsorientierte Betriebsform. Definitionsgemäß bewegen sich jeweilige Verkaufsflächen zwischen 1.500 qm und < 5.000 qm. Mehrheitlich werden Angebotsflächen zwischen 1.600 und 4.000 qm betrieben. Die durchschnittliche Verkaufsfläche liegt bei 2.800 qm. Sie führen 21.000 – 40.000 Artikel; durchschnittlich sind es 28.000. Bei hohem Non-Food-Anteil herrschen Lebensmittelangebote mit 55 – 60 % vor; sie steuern rund 70 % des Umsatzes bei. Auffallenderweise erzielen kleine Verbrauchermärkte (1.500 bis 2.500 qm) mit annähernd 5.000 EUR / qm eine deutlich höher mittlere Raumleistung als ihre größeren Gegenstücke, die rund 3.900 EUR / qm umsetzen. – Ein Indiz, dass Varianten ab 2.500 qm verbraucherseitig als wenig tiefenscharf profiliert empfunden werden. Der betriebliche Kostenaufwand beläuft sich auf rund 25 % des Umsatzes. Märkte gehobener Größe weisen regelhaft kleinere Konzessionärszonen auf. Diese Vorkassenzonen sind mit kleineren Ladeneinheiten, teils auch Gastronomie und Dienstleistern bestückt. Verbrauchermärkte benötigen größere Stellplatzkapazitäten als Supermärkte. Dies auch deshalb, weil sie angesichts ihres Flächenanspruches zu städtebaulich weniger stark integrierten Standorten tendieren. Verbrauchermärkte betreiben Edeka (E-Center), Famila, Lidl & Schwarz (kleine Kaufland-Variante), Rewe (große Minimal-, kleine Toom-Varianten) und andere mehr.

Fußnoten

[4] Streng genommen gehören auch Autohandel und Tankstellenshops zum Einzelhandel. Diese bleiben gleichwohl unberücksichtigt.

[5] Metro Group: The Spirit of Commerce. Metro-Handelslexikon 2007 / 2008, Düsseldorf 2007.

[6] Unter Verkaufsfläche sind Kunden unmittelbar zugängliche Bereiche (ohne Toiletten usw.) einer einzelbetrieblichen Einheit einschließlich von außen einsehbarer Flächen (Schaufensterbereiche) zu verstehen.

[7] Zahlen gemäß Betriebsvergleich des EHI Retail Institute: Handel aktuell 2006 / 2007, Köln.