EfI-Englischkurs: Wiener Immobilientreff

Einführung

Efi lebte längere Zeit in Wien, bevor sie nach München umzog. Inzwischen arbeitet sie wieder in der einstigen Kaiserstadt. Natürlich besucht sie Archi öfter dort. An einem sonnenhellen Tag, als Efi im Büro arbeitete, suchte er eine Wirtschaft, um über Efis Sankt Petersburger Abenteuer zu schreiben. Doch kam es anders. – Als Archi eine urige Wirtschaft unweit des Naschmarktes erspähte (unten ein Fassadenausschnitt eines JugendstilgebäudesJugendstilfassade im Stil der Wiener Sezession am Naschmarkt).

Bevor wir der Geschichte ungebührlich vorgreifen, sei das Rätsel aus der Kursfolge zu Namibia aufgelöst. Gesucht war der Name bzw. Standort der nördlich Swakopmunds gelegenen Robbenkolonie. – Sie heißt Cape Cross. Nun, nachdem wir klüger oder in unserer Klugheit bestätigt sind, begeben wir uns nach Wien. Übersetzungen im Text gesperrt geschriebener Begriffe finden sich – wie gewohnt – am Seitenende. Impressionen von Wien finden sich in den Bildergalerien Wien, Wien (2) – faszinierende Architektur, Wien (3) – Fassadenpracht, Wien (4) – Glanzlichter, Wien (5) – Anssichtssachen sowie einigen im Retrostil präsentierten Fotostrecken.

Wiener Immobilientreff

Naschmarkt, U-Bahnstation Linie 4, südwärts abgebogen, eine Gasse überquert, dann rechts. Archi machte aus, was er gesucht hatte: eine Eckwirtschaft. Das Powidl, Margaretenstraße 60. Eingebettet in ein Band kleinerer und größerer Einzelhandelseinheiten, Gastronomiebetriebe und Nutzungen des Beherbergungsgewerbes. Keine der Laufmeilen Wiens. Ein kiezig anmutendes Stadtquartier, das augenscheinlich bessere Tage erlebt hat und sich doch, umweht von einem fühlbaren Hauch ständiger Neudefinition, zu behaupten scheint. Läden eröffnen, Läden schließen, manche wirken wie von selbstausbeutenden Liebhabern betrieben.Hofburg

Archi trat durch die Eingangstür, nickte aufsehenden Männern und der zapfenden Wirtin zu und ließ sich an einem freien Tisch nieder. Er zückte Zettel und Stift und merkte auf: Zwei Herrn am Nachbartisch unterhielten sich über Immobilienmakler. Einer bezeichnet die übliche Nachweisprovision als unverschämt, der andere verteidigte sie. Dafür hielt er Immobilienentwickler für windige Gesellen, während der zweite ihre Arbeit lobte. Binnen einer halben Stunde galoppierten beide durch allerlei Felder der Immobilienwirtschaft. Stets unterschiedlicher Auffassung. Nur Immobilienjournalisten hielten sie einmütig für einen fragwürdigen Berufsstand. Ihre Augen fingen sich in Archis ungewollt interessiertem Blick. Tatsächlich hatte er einige Begriffe notiert, die sein Empfinden untermauerten, wonach Österreicher sprachlich ein Stück weit im 18. und frühen 19. Jahrhundert verhaftet schienen. "Es gibt auch gute Leute," versicherte ihm einer der Streithähne, wohl weil er annahm, dass Archi ein Immobilienschreiberling sein könnte. So entspann sich ein Gespräch.

Zwei weitere Gäste gesellten sich dazu. Teils stehend, teils sitzend diskutierte man alsbald über Einzelhandelsplanung, Bürostandorte, Stadtplanung, Grunderwerbssteuer, Sanierungsgebiete und Baudenkmäler, die Wien überreich zu bieten hat (rechts eine Ansicht der Hofburg). Just als man – nach einigen Stunden – zum Thema Finanzierung kam, schwang die Tür auf und Efi trat ein. Augenrollend angesichts einer Ansammlung von gutem Wein und regen Gesprächen erhitzter Männer. "Die Finanzspezialistin unseres Gespanns", führte sie Archi zwanglos ein. Aufmerksame Männer rückten zusammen, weitere Gäste reicherten die Runde an. Angelockt von Efis Charme. Einmal mehr fühlte sich Archi abgemeldet. Amüsiert von Efis Wirkung, neuerlich angetan von ihrer Fähigkeit, Menschen mit Angaben zu Margen und Erklärungen zu Zwischenfinanzierungen begeistern zu können.

Zwei Wochen später erhielt Efi eine elektronische Nachricht von einem der Gesprächsteilnehmer. Er bezog sich auf den Immobilientreff im Powidl – gründlich, wie er war, unter Angabe der Anschrift (Margaretenstraße 60) – und sandte ihr Unterlagen über eine geplante Hotelprojektentwicklung. Die als pdf-Datei angehängte Machbarkeitsstudie überzeugte Efi nicht so recht. Die Erlöse schienen ihr überoptimistisch angesetzt, die Betriebsausgaben zu niedrig kalkuliert. Archi – um Rat gefragt – schmunzelte, als sie die unterstellte Auslastungsquote und das ausgewiesene Bruttobetriebsergebnis nannte. "Wunschdenken", befand er. So rief Efi den Mann an und sagte ihm, dass ihr das Vorhaben – vorsichtig formuliert – gewagt erschien. Sie begründete ihre Einschätzung. Er schwieg längere Zeit, dann atmete er geräuschvoll aus. Offenbar von ihren Argumenten überzeugt, obwohl die ihr überlassene Studie von einem namhaften Beratungsunternehmen erstellt worden war. So kam es, dass Efi und Archi wenige Wochen später beauftragt wurden, die Grundlagen eines anderen Projekt zu prüfen. Aus diesem ersten Auftrag entwickelte sich eine dauerhafte geschäftliche Partnerschaft – nach dem zufälligen Treffen im Powidl.

Wie gewohnt beschließen wir auch diese Kursfolge mit einer Rätselfrage. Wie heißt Wiens bekanntestes Sakralbauwerk?

Übersetzungen

Auslastungsquote = occupancy; occupancy rate ⇔ Baudenkmal = architectural monument; historical monument ⇔ Beherbergungsgewerbe = hospitality trade; lodging industry ⇔ Betriebsausgaben = operating expenses ⇔ Beratungsunternehmen = consulting company ⇔ Bruttobetriebsergebnis = gross operating profit ⇔ Büro = office ⇔ Bürostandort = office location ⇔ Eingangstür = entrance door ⇔ Einzelhandelseinheit = retail unit ⇔ Einzelhandelsplanung = retail planning ⇔ elektronische Nachricht = electronic mail; email; e.mail; e-mail ⇔ Erlöse = revenues ⇔ Fassadenausschnitt = facade section (größerer Ausschnitt); facade detail (kleinerer Ausschnitt) ⇔ Finanzierung = financing ⇔ Gasse = alley; lane ⇔ Geschäft (einzelner Abschluss) = deal ⇔ Grunderwerbssteuer = land transfer tax; realty transfer tax (US); stamp duty (UK); tax on land acquisition ⇔ Hotelprojektentwicklung = hotel development ⇔ Immobilienentwickler = real estate developer ⇔ Immobilienjournalist = real estate jounalist ⇔ Immobilienmakler = real estate broker; real estate agent; realtor ⇔ Immobilienwirtschaft = real estate business; real estate industry ⇔ Jahrhundert = century ⇔ Jugendstilgebäude = art nouveau building; Jugendstil building ⇔ Kaiserstadt = imperial city ⇔ Laden = shop (UK); store (US) ⇔ Laufmeile = highly frequented location ⇔ Liebhaber ⇔ enthusiast (im hier gegebenen Zusammenhang) ⇔ Machbarkeitsstudie = feasibility study ⇔ Marge = margin ⇔ München = Munich ⇔ Nachweisprovision = finder's fee; referral commission ⇔ Robbenkolonie = seal colony ⇔ Sakralbauwerk = religious building; sacral building; sacred building ⇔ Sanierungsgebiet = redevelopment area ⇔ Stadtplanung = city planning; town planning; urban planning ⇔ Stadtquartier = city quarter (da Großstadt) ⇔ Tisch = table ⇔ U-Bahnstation = subway station (US); tube station (London); underground station (UK) ⇔ Wien = Vienna ⇔ Wirtschaft (hier eine Schankwirtschaft) = bar; pub (UK) ⇔ Zwischenfinanzierung = bridge financing