Dubai - Wahn oder Sinn

4.4 Retortencharakter

Augenfällig ist eine allgegenwärtige Größenverliebtheit, die Dubais Entwicklungsplanung unterlegt, ja charakterisiert. Das kleine Land werkelt an den weltweit höchsten Wolkenkratzern, an gigantischen Einkaufszentren, pflanzt sinnlose Inseln ins Meer, baut riesige Freizeitparks einschließlich Ski-Halle usw. usf. Hier wurden und werden Kunstwelten aus dem Boden gestampft, ein Disney-Land im Großformat. Schon deshalb wird Dubai dauerhaft eine Qualität abgehen, die vitale Metropolen kennzeichnet: Diese erweisen sich als spannungsreiche, wesentlich von gewachsenen Bezügen und einem Wechselspiel von innen- und außenorientierter Kultur geprägte Räume.

Als perspektivisch schwerwiegendes Manko der baulichen Entwicklung Dubais erweist sich, dass nahezu der gesamte Baubestand innerhalb weniger Jahre hochgezogen wurde. - Architektonisch wie funktional entsprechend dem "Zeitgeist" zur Jahrtausendwende. Erinnert man sich an Europas gefeierte architektonische "Errungenschaften" der 1970er Jahre, erhellt sich, weshalb dieses Moment investitionstechnisch Beachtung verdient: Heute gelten Objekte und Ensemble aus den 1970ern vielfach als optisch wie funktional fragwürdige Komplexe, wenn nicht als kaum "zu reparierende" Sanierungsfälle. Im Unterschied zu Dubai stellen diese Komplexe - selbst jene im Stadtteilformat - jedoch lediglich Einsprengsel dar. Fakt ist, dass Dubais gesamter, zeitgleich und im Zeitraffer hochgezogener Baubestand einen synchronen Alterungsprozess durchläuft und das gesamte Emirat architektonisch binnen eines überschaubaren Zeitrahmens in die "Unmoderne" abzugleiten droht (das Foto zeigt eine primäre Entwicklungsachse innerhalb des Emirates).

4.5 Nachhaltigkeitsaspekte

Mit Blick auf nachhaltigkeitsorientierte Ansätze fragt sich, ob energetisch benachteiligte Wolkenkratzer eine kluge Wahl darstellen bzw. Beton, Stahl und Glas als klimaangemessene Baumaterialien verstanden werden können. Mit Blick auf globale Wettbewerbsbezüge sind klimatische Nachteile Dubais perspektivisch durchaus ein Thema. So verschlingt alleine die notwendige Klimatisierung von Einkaufszentren, Hotels, Freizeitanlagen und Wohnkomplexen Unmengen an Energie. Neue Maßstäbe als Energieschleuder setzt der im Januar 2010 eingeweihte Burj Chalifa, mit 828 m Höhe und 162 Stockwerken ein buchstäblich alles verschattender Koloss und eine Wohnmaschine, die auf 12.000 Bewohner ausgelegt ist.

Als grundsätzliches Problem erweist es sich, am Laufen zu halten und zu erhalten, was mit außergewöhnlich hohem Aufwand geschaffen wurde und wird. Möglich ist das einzig mit ebenfalls enormem Aufwand. Heutigen Leitgedanken bezüglich wirtschaftlicher Nachhaltigkeit entspricht Dubais Realität somit schwerlich.

Oft postulierte geostrategische Vorteile im weltweiten Wettbewerb bestehen - Ausschnitte der Luftfahrtbranche ausgenommen - realistisch betrachtet nicht in einem Umfang, der eine langfristig positive Entwicklung verspricht. Kaum ein Wirtschaftsunternehmen benötigt zwingend einen Standort in Dubai. Die Anzahl attraktiver Alternativen ist groß und wächst mit fortschreitender Entwicklung von Märkten wie Indien.

5 Schlussbemerkung

Verständlicherweise sind viele Dubais heimatverliebt. Die Heimat in kleinem Maßstab zu einem wohnlichen Platz zu gestalten, wäre zielführend gewesen. Mit all den Mega-Projekten wurde und wird m. E. hingegen verschwenderisch Geld in den sprichwörtlichen Sand gesetzt. Denn: Das Emirat bietet lediglich sehr beschränkte Grundlagen, es zu einem bedeutenden, nachhaltig auf hohem Niveau tragfähigen Wirtschaftsstandort zu entwickeln. Investitionen in zukunftshöffigen Märkten bzw. Beteiligungen an erfolgreichen ausländischen Unternehmen stellen einen überlegenen - und wohl den einzigen - Weg dar, den Wohlstand der einheimischen Bevölkerung langfristig zu sichern.

Sorgsam abwägende Immobilieninvestoren und Immobiliennutzer werden Dubai schwerlich zum Kreis bevorzugter Investitionsräume zählen können. Gegenüber anderen etablierten wie aufstrebenden Märkten überdurchschnittliche Investitionsrisiken sind unübersehbar.