Büroformen – eine Skizze

Folgender Beitrag beleuchtet ausgewählte Büroformen vor dem Hintergrund geschichtlicher Rückblenden. Historische Bezüge verdeutlichen, dass manche vermeintliche Neuerung als "alter Wein in neuen Schläuchen" einzustufen ist.

1 Geschichtliche Rückblende

Das Büro erweist sich als alte kulturelle Erscheinung. Einzig der Begriff selbst – ein Lehnwort aus dem Französischen (Bureau) – ist vergleichsweise jungen Datums. Frühere deutschsprachige Entsprechungen sind – um nur einige zu nennen – "Schreibsaal", "Schreibstube", "Amtszimmer" oder "Kontor".

Grundsätzlich bezeichnet "Büro" einen Raum, der Verwaltungs- und / oder Planungsarbeiten gewidmet ist. Im kulturhistorischen Rückblick verbreiteten sich Büroarbeiten Hand in Hand mit anspruchsvoller werdenden organisatorischen Erfordernissen, die sich in wachsenden Stadtstaaten bzw. in Zusammenhang mit Reichsgründungen ergaben. Büroarbeit entsprang wesentlich herrschaftlichen Lenkungsansprüchen sowie ordnungspolitischen und verwaltungstechnischen Notwendigkeiten. Büroarbeit setzt entwickelte Schreib-, Lese- und / oder Rechenfertigkeiten voraus. Bürobeschäftigte zählten früh zu den privilegierten Kreisen, insofern genannte Fähigkeiten in vielen Gesellschaften keineswegs allgemein verbreitet waren (und nicht sind). Wahrnehmungsbezogen stand die Arbeit von Bürobeschäftigten über körperlicher Arbeit in Werkstätten oder auf bäuerlichen Anwesen. Lange, und bis in das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts hinein, verbanden sich mit dem Begriff Vorstellungen an den einstmals begehrten Beamtenstatus.

Büros bestanden bereits im alten Ägypten wie an Chinas vorkaiserzeitlichen Höfen. Sie waren im antiken Rom verbreitet, wurden von mongolischen Khanen unterhalten und waren im europäischen Mittelalter bekannt. Beispiele stellen die Verwaltungsstuben hanseatischer Niederlassungen oder klösterliche Schreibsäle dar. Im afrikanischen, einst als Gelehrtenstadt bekannten Timbuktu im heutigen Mali waren Büros ebenso eine Alltagserscheinung wie an mittelalterlichen japanischen Herrschersitzen.

2 Büroformen

Ein Büro ist nicht notwendig Teil eines festen Bauwerkes. Eine entsprechende Vorstellung greift zu kurz. So lebten die Begründer des weltweit größten je geschaffenen Reiches – die Mongolen – in Jurten und in solchen befanden sich (zunächst) ihre Büros.

Gleich, ob Büros in Zelten, Jurten, Holz- oder Steingebäuden eingerichtet wurden, es gab zwei Grundformen, nämlich: das

Wenngleich es sich um moderne Bezeichnungen handelt, stehen diese für zwei uralte Arbeitsweisen bzw. arbeitstechnische Organisationsformen. Vereinfachend lassen sich diese unter den Schlagworten "Individualismus" und "Kollektivismus" oder, bildhaft gesprochen, unter "Kopf" und "Hand" rubrizieren. Als Spielarten genannter Grundformen sind Gruppen- und Kombibüro aufzufassen.

2.1 Großraumbüro

Seiner Bezeichnung entsprechend stellt das Großraumbüro ein auf großer, offener Fläche umgesetztes Bürokonzept dar. Vielfach werden – ohne stichhaltige Begründung – 300 qm oder 400 qm Nutzfläche als Abgrenzungskriterium (gegenüber was eigentlich?) bemüht. Teils werden 100 oder mehr Arbeitsplätze als unterer Schwellenwert genannt. Die Geschichte liefert hinreichend Beispiele für die frühe Einrichtung bzw. Nutzung derart definierter Arbeitsstätten.

Großraumlösungen kennzeichnet eine flächenbezogen hohe Mitarbeiterzahl; die Büroform erweist sich somit als flächeneffizient. Die Bandbreite raumgestalterischer Möglichkeiten, die Anzahl verbreiteter Varianten der Raumgestaltung ist groß. Die Vorstellung, Großraumbüros seien notwendig karge, mit säuberlich gereihten Tischen bestückte Flächen, hält der vielfältigen Wirklichkeit nicht stand. Vielmehr sind vorhandene Flächen häufig durch Raumteiler in Zellen und Gänge gegliedert. Als typisches Gestaltungsmodul werden Boxen bzw. "cubicles" eingesetzt, die halbhoch abgegrenzte Einzel- oder Gruppenarbeitsbereiche schaffen, und eine breite Palette individueller Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen.

Als nachteilige Merkmale von Großraumkonzepten gelten unterschiedliche Arbeitsplatzqualitäten (fensternah / fensterfern), der regelhaft erforderliche Rückgriff auf künstliche Beleuchtungsquellen, anfallende Klimatisierungskosten, erschwerte Diebstahlssicherung, mangelde Privatheit, die Arbeitseffizienz beeinträchtigende Geräuschpegel usw.

Als Vorzüge des Großraumbüros werden – neben der erwähnten Flächeneffizienz – gemeinhin kurze Verständigungswege und – ein wesentlicher Gesichtspunkt – erleichterte Arbeitskontrollen und erleichterte prozessuale Steuerungs- bzw. Eingriffsmöglichkeiten erachtet.

Fragwürdig erscheint die Behauptung, Großraumbüros eigneten sich besonders für hochgradig arbeitsteilig organisierte Mitarbeitergruppen, deren Tätigkeit ein geringes Konzentrationsniveau erfordere. Sicherlich trifft es zu, dass großräumige Konzepte gleichförmigen, überwachungsorientierten Routinetätigkeiten entgegenkommen. Allerdings eignen sich sie vorrangig für vergleichsweise austauscharme Arbeitsabläufe, die gleichwohl ein gerütteltes Maß an Konzentration erfordern. So stellen sich viele Großraumlösungen in den USA denn auch als vergleichsweise geräusch- und bewegungsarme Arbeitsräume dar. Dass sich der stark betonte Kontrollaspekt in Verbindung mit vielfach fehlerträchtigen Arbeiten (Lohnabrechnung, Datenverwaltung usw.) schwerlich mit ausgeprägten Lauf- und Besprechungsnotwendigkeiten verträgt, liegt auf der Hand. Und so verhielt es sich früher: Großraumlösungen standen für Disziplin. In Bezug auf einfache Verwaltungstätigkeiten sowie eine tatsächlich geräuschvolle Nutzungsart, nämlich das Call Center, gilt das unverändert.

Mangelnde Wirklichkeitsnähe lassen Autoren erkennen, die "ständigen Publikumsverkehr" als mitarbeiterliches Wohlbefinden beeinträchtigendes Moment herausstreichen: Das Großraumbüro ist regelhaft keine auf Besuchsverkehr und / oder repräsentative Zwecke hin ausgelegte Büroform. Es handelt sich um eine prototypische "Back-Office-Lösung", um einen Abarbeitungsbereich. – Und wieder: Dafür stand das Großraumbüro seit frühen Zeiten. Heute sind lupenreine Großraumbüros selten; in aller Regel beinhalten diese Komplexe Zellenbüros, die mit Managementaufgaben betrautem Personal vorbehalten sind. Die meisten Großraumkonzepte beinhalten also stark statusorientierte Elemente (die gemeinhin Zellenlösungen zugeschrieben werden).

Schenkt man manchen Autoren Glauben, ist das Großraumbüro ein Auslaufmodell. Laut Alms, Straßer, Zündorf (Vor- und Nachteile von sogenannten Bürolandschaften, 2001) "wird (es) heute nur noch als Sanierungsfall betrachtet und findet auch in der Zukunft wegen wirtschaftlicher Nachteile kaum noch Beachtung." Dieses Urteil geht an der Wirklichkeit vorbei. So ist das Großraumbüro nicht nur in den USA weit verbreitet, ja schwerlich aus dortigen Bürolandschaften wegzudenken. Verwegen klingt die argumentativ allenfalls dürftig untermauerte Aussage vor allem angesichts des geschichtlichen Bezugsrahmens. Weshalb eine seit alten Zeiten gängige, wirtschaftlich wie zweckgebund erfolgreiche Büroform plötzlich überholt sein sollte, fragt sich.

Das Großraumbüro blickt auf eine weit in die Vergangenheit reichende Geschichte zurück. Womöglich fällt es zunächst schwer, sich ins Großraumbüro gehende achämenidische Schreiber vorzustellen. Wird jedoch bedacht, dass die altpersischen Könige über ein verwaltungsintensives Großreich herrschten, wird klar, dass eine Unmenge Schreibarbeit anfiel, die straff organisiert an festen Plätzen zu erledigen war, und nur durch eine große Anzahl schreibkundiger Kräfte geleistet werden konnte. Somit ist die Existenz von Großraumbüros zur damaligen Zeit als logisch begründete Tatsache zu begreifen. – Falls diesbezüglich Zweifel regieren, werfen wir einen Blick auf die klösterlichen Schreibsäle der fränkischen Kaiserzeit: Was anders als Großraumbüros waren diese, teils von Dutzenden Kopisten bevölkerten Hallen und Gewölbe?

2.2 Einzel- / Zellenbüro

Namensgemäß handelt es sich bei dieser Büroform um eine abgeschlossene räumliche Einheit, die regelhaft von einem Flur aus erschlossen wird. In Deutschland herrschte das Zellenbüro mit Ein- oder Mehrpersonenbelegung in Verwaltungsbauten lange vor. Als Pluspunkt des Zellenbüros gilt dessen Qualität als Raum, der ein ungestörtes (und andere nicht beeinträchtigendes) Arbeiten zulässt. Als nachteilig werden u. a. Kommunikationsbrüche infolge gegenseitiger Abkapselung und eine vergleichsweise geringe Flächeneffizienz angeführt.

Auch das Zellenbüro ist keine brandneue Errungenschaft. Als erstes, vielfach als Blaupause herangezogenes Bürohaus mit Zellenstruktur gelten die zwischen 1559 und 1581 in Florenz (Italien) errichteten Uffizien.

2.3 Gruppenbüro

Das Gruppenbüro nimmt eine vermittelnde Stellung zwischen Zellen- und Großraumbüro ein. Es steht zwischen großen Mehrpersonenzellen und kleinen Großraumlösungen. Stichhaltig von diesen beiden Typen abzugrenzen ist es schwerlich. Hinsichtlich seiner arbeitstechnischen Vor- und Nachteile tendiert das Gruppenbüro stärker in Richtung von Großraumkonzepten. Konzeptionell bietet es sich insbesondere für Tätigkeiten an, die auf einem starken Kommunikationsbedürfnis innerhalb eingespielter Fachgruppe beruhen.

2.4 Kombibüro

Das Kombibüro gilt als skandinavische Erfindung. Es verbindet einige Vorzüge des Zellenbüros mit Pluspunkten kommunikationsorientierter Gemeinschaftszonen. Im Grunde handelt es sich um einen Mischtypus aus Zellen- und Großraumbüro. Die Fläche der zu den Gemeinschaftszonen hin transparenten Zellen wird hierbei auf eine "Kernarbeitsfläche" reduziert, während gegenüber reinen Zellenlösungen größer dimensionierte Verkehrsflächen als Infrastruktur- und Begegnungszonen ausgelegt werden; hier finden sich beispielsweise Aktenarchive, Bibliotheken, Druckerinseln, Gruppenarbeitsplätze, Besprechungszonen, Ausweicharbeitsplätze und Teeküchen.

Schwer nachvollziehbar sind Aussagen, wonach bürointerne Transitwege in produktive Kommunikationszonen umgewandelt bzw. eine Zellenlösungen überlegene Flächeneffizienz grundgelegt würde. Wie oben erwähnt sind erforderliche Verkehrsflächen gleichsam aufzuweiten, um Archivbereiche, Begegnungszonen usw. einbinden zu können. Unter dem Strich erweisen sich viele Kombilösungen als wenig flächenwirtschaftlich. Ob reale Gesprächsbedürfnisse zu gefüllten Gemeinschaftszonen führen oder die häufig auf ein gefühltes "Käfighaltungsniveau" verkleinerten Bürozellen die Mitarbeiter zu deren Nutzung veranlassen, sei dahingestellt.

2.5 Business Club

Alltägliche Erfahrungen unmittelbar kundenorientierter Bürofirmen lehren, dass ein beträchtlicher Anteil verfügbarer Arbeitsplätze selbst während üblicher Kernarbeitszeiten nur zeitweilig belegt ist. Quer über alle Funktionen bzw. Mitarbeitergruppen hinweg liegt der gewichtete Büronutzungsfaktor bei vielen Unternehmen deutlich unter 50 % der regulären Arbeitszeit. Zwar fallen die Raumkosten von Firmen mit hochqualifiziertem Mitarbeiterstab gemessen am Gehaltskostenblock gering aus, doch besteht kein vernünftiger Grund, Geld auszugeben, das sich einsparen bzw. anderweitig sinnvoll einsetzen lässt. Vor diesem Hintergrund entstand das Konzept des "Business-Clubs", das sich hinsichtlich Aufbau und Gestaltung von Flughafenlounges und traditionellen britischen Clubs inspirieren ließ. Das Konzept verabschiedet sich vom Gedanken an persönliche Arbeitsplätze, ja vom "klassischen" Bild des Arbeitsplatzes an sich. Es setzt auf eine Verquickung von Wohlfühlambiente mit unterschiedlichen, jeweils zweckoptimierten "Arbeitsinseln", die von Mitarbeitern bedarfsabhängig genutzt werden.

Der Business Club entpuppt sich hinsichtlich seiner "philosophischen" Grundlagen als revolutionär, insofern er sich als produktivitätssteigernden Anlaufstelle für Mitarbeiter versteht, deren vorrangiges Anliegen darin liegt, persönlich erfolgreich zu sein. Im Kern wirft das Konzept das längst als illusionär enttarnte Credo über Bord, dass sich teamorientierte Unternehmensphilosophien in produktive Vorsprünge übersetzen. Tatsächlich gibt es m. W. kein belastbares Beispiel für herausragende Teamleistungen. Die großen Werke, die großen Erfindungen der Geschichte beruhten auf Einzelleistungen bzw. dem Einsatz von Arbeitsgruppen, die auf diese Leistungen aufsetzten.

Der Business Club versinnbildlicht ein gedanklich radikales, bei hoher Selbstmotivation der Angestellten gleichwohl praktikables Konzept. Es verbindet die Möglichkeiten moderner Telekommunikation mit ortsgebundenen und unternehmensbindenden (!) Momenten. Es bietet einen Rahmen für soziale Prozesse, ohne diese vorauszusetzen. Der Business Club repräsentiert ein elitäres und klar auf ein entsprechendes Bewusstsein der Mitarbeiter abhebendes Konzept.

5 Schlussbetrachtung

Die um sich greifende "Schlagwortkultur" zeichnet grelle Bilder: "Das Großraumbüro ist tot!", "Das Zellenbüro ist tot", "Das Büro ist tot!". – Blanker Unsinn. Nicht ernst zu nehmen.

Aufgefächerte Argumentationslinien begründen den Schluss, dass alle bestehenden Büroformen erhalten bleiben. – Weil jede ihre Berechtigung hat, weil jede diesen oder jenen Bedürfnisausschnitt eher befriedigt als (eine) andere.