Immobilien als Assetklasse (Teil 1)

4.1.3 Kostenbelastbarkeit

Die Bodenpreistheorie birgt eine Schlussfolgerung: Im Gerangel um diese oder jene begehrte Lage setzt sich die zahlungsfähigste Nutzung durch. Weniger ertragsstarke Wettbewerber werden verdrängt oder gelangen nicht an den Standort. Die namhafte Steuerkanzlei macht das Rennen gegen die Versicherungsagentur, der Handel schlägt das Handwerk, die Büronutzung das Wohnen. Auch innerhalb jeweiliger Wirtschaftszweige setzen sich Branchen und Funktionen höchster Zahlungsfähigkeit durch. Im Einzelhandel teilen Mode und Schuhanbieter samt wenigen anderen Branchen beste Lagen unter sich auf. Größere Lebensmittler, Schreibwaren- oder Stoffhändler müssen sich mit zweit- oder drittrangigen Standorten begnügen. Im Bürobereich finden sich Repräsentanzen in Spitzenlagen großer Städte, nur ausnahmsweise einfache Verwaltungsfunktionen.

4.1.4 Verbundvorteile

Artgleiche und einander ergänzender Einrichtungen profitieren von einer räumlichen Vergesellschaftung. Besonders befruchten Nutzungen einander, deren Leistungen ähnlich häufig nachgefragt werden, funktional zusammenhängen und / oder in gewissem Maße gegeneinander austauschbar sind. Rücken sie räumlich zusammen, erzielen sie - jede für sich - höhere Umsätze als bei Alleinlage. Eine Folge dieses Prinzips liegt darin, dass Branchen bzw. Anbieter, die einander fördern, dazu neigen, standörtliche Gemeinschaften auszubilden. Weniger offensichtlich ist der latent wirkende Mechanismus, Nutzer mit suboptimalem Verbundbeitrag auszugrenzen. Bei stark synergetischem Effekt können Anbieter gemeinsam Standorte erschließen, die ohne Verbundwirkung unerschwinglich für jeden einzelnen wären: Sie schlagen Branchen bzw. Nutzungen aus dem Feld, die an sich höhere Mieten zahlen, jedoch weit weniger auf Verbundvorteile bauen können.

4.1.5 Sonstige Faktoren

Auf Nutzungsmuster nehmen einige bislang unberücksichtigte Faktoren Einfluss; auch diese können unter dem Begriff Erreichbarkeit geführt werden. Eine dieser Steuerungsgrößen ist beispielsweise der Wind. In Zonen vorherrschend westlicher Winde wurden lärmende oder geruchsbelästigende Einrichtungen regelhaft im Osten von Siedlungen angelegt. Deshalb gibt es viele noble Wohngegenden in städtischen Westends.

Der Erreichbarkeitsbegriff besitzt auch psychologische bzw. soziale Dimensionen. So flüchten sich (nicht nur) betuchtere Kreise in vielen Ländern zunehmend in geschlossene, von der Umgebung abgekapselte Wohnsiedlungen, die "gated communities". Hier wird Erreichbarkeit vorsätzlich eingeschränkt. Der Wert hiesiger Immobilien ist dennoch und trotz geringer Nutzungsintensität vergleichsweise hoch, weil viele Menschen vermeintliche Sicherheit oder Prestigeaspekte bezahlen. Andererseits beeinträchtigt die z. B. in den USA verbreitete Verelendung, die entlang scharfer räumlicher Trennlinien verlaufende ethnisch-soziale Segregation die Erreichbarkeit vieler Stadtquartiere: Unwohlsein, Kriminalität, sichtbare Not wirken zugangshemmend, erreichbarkeitsmindernd.

4.1.6 Planungseinflüsse

Planungsrechtliche Festsetzungen beeinflussen die Raumorganisation erheblich. Alleine über die Vorgabe von Grundstücksgrößen und Geschossflächenzahlen lässt sich steuern, wer wo bauen kann und wer nicht. Auch die Art baulicher Nutzung kann festgelegt werden: Geschosswohnen hier, Einzelhandel da, Büro dort, Gemeindebedarfseinrichtungen mittendrin, Wohnen am Fluss. Nur: Prinzipien wirtschaftlicher Raumorganisation zuwider laufende planerische Konstrukte überleben in marktwirtschaftlichen Systemen nicht.

4.2 Ergebnis: Zentrensysteme

Genannte Faktoren übersetzen sich in Zentrensysteme. Einerseits bilden Städte und Gemeinden untereinander funktionale Rangfolgen aus. Sie sind mehr oder minder bedeutend für größere oder kleinere Bevölkerungsausschnitte einer Region, eines Landes, fallweise eines Kontinents. Nutzungsvielfalt und -dichte und somit Marktbreite und -tiefe verringern sich von Metropolen über Groß-, Mittel- und Kleinstädte hin zu Landgemeinden. Zum anderen entwickelten sich innerörtlich Nutzungszonen unterschiedlicher Art und Bedeutung, also wiederum gestufte Zentrensysteme. Innerhalb von Siedlungskörpern fallen Nutzungsdichte und -vielfalt von den Hauptzentren bzw. Innenstädten über Stadtteil- und Nahbereichszentren hin zu nicht-zentralen Bereichen ab.