Fragen zur Seite

Sprache / Stil

Sprache ist ein machtvolles Werkzeug, das nahezu unbegrenzte Ausdruckmöglichkeiten bietet. - Wenn man es pflegt.

Als langjähriger Besucherin des Portals fällt mir auf, dass Ihre Beiträge zunehmend journalistischer verfasst sind, einige sogar witzig. Steckt dahinter eine neue, bewusst verfolgte Linie?

Eher zwei Einsichten: Einmal, dass es selten sinnvoll ist, einmal geschriebene Sätze wieder und wieder zu überarbeiten. Zum Zweiten, dass humorig getönte Noten manche Materie leichter verdaulich machen. Vor allem wandelte sich jedoch die Art des Schreibens selbst: Früher erarbeitete ich fachliche Artikel, heute formulieren sie sich gleichsam selbst.

Ihre Beiträge alternieren zwischen alter und neuer Rechtschreibung. - Weshalb? Warum folgen Sie nicht einheitlich aktuellen Schreibregeln?

Inzwischen sind sämtliche Beiträge an die neue Rechtschreibung angepasst (wobei ich die größten Idiotien der Reformer ignoriere). Die Umstellung geschah widerwillig, insofern die alte Rechtschreibung der neuen meines Erachtens in jeder Hinsicht überlegen war. Dies betrifft sowohl optische Wahrnehmungsmöglichkeiten bzw. die Anmutung des Schriftbildes als auch sprachspielerische Momente. Die Regeln der neuen Rechtschreibung erscheinen mir inkonsequent, ja willkürlich und insgesamt verfehlt. Ich bin versucht zu sagen: Da versuchten wirklichkeitsferne Sesselsitzer ihre fachliche Daseinsberechtigung nachzuweisen. - Mit beschämendem Ergebnis. Dass der Reform von 1996 eine Reform folgte (2004), die umgehend - nämlich 2006 - zu reformieren war, belegt, welch grobe Schnitzer die Reformer begingen. Auch der Ansatz von 2006 stellt keineswegs eine Glanzleistung dar, sondern trug die Notwendigkeit einer neuerlichen Überarbeitung vom Start weg in sich. Statt vereinfacht, zeigt sich die Schreibung verkompliziert. Von Sprachlogik keine Spur, zu schweigen von sprachlichem Gespür. Und, das Land zu einer Zeit, da es massive Probleme zu meistern hat, mit solch einer unausgegorenen Aktion zusätzlich zu belasten, beweist aus meiner Sicht blanken Unverstand. Zudem bedachten die Leute nicht, dass sie sämtlichen andersprachigen Menschen, die unsere Muttersprache erlernten, Probleme bereiteten. - Eine wahre "Großtat" mit Blick auf internationale Geschäftsbeziehungen.

Unsere Germanistikprofessorin nutzt verschiedene Ihrer Artikel - allen voran den Beitrag zur Irrationalität des Wolkenkratzers - als Musterbeispiele hoch verdichtenden, fein differenzierenden, nuancenreichen Sprachgebrauchs. Einmal abgesehen davon, dass darin gespiegelte Erfahrungen Zweifel keimen lassen, ob Germanistik zu studieren die richtige Wahl war, stellt sich mir eine Frage: Lernten oder entwickelten Sie diesen Stil?

Letzteres. Stil halte ich für einen Persönlichkeitsausdruck. Auch für stimmungsabhängig. Und, er ist inhaltsgesteuert. Meine (noch unveröffentlichten) SF- und Phantasie-Romane sind sprachlich anders gewoben als (die meisten) Fachartikel oder gutachterliche Texte. Vor allem ein Gesichtspunkt ist interessant: Mancher vermeintliche stilistische Fortschritt erweist sich mit einigem zeitlichen Abstand als fragwürdig.